Wald, Weiden und Vogelgezwitscher: Wildnis im äussersten Westen der Schweiz

Wanderung Chancy

Finisterre im Wilden Westen

  • Chancy

  • Vers Vaux

  • Bois Fargout

  • Bois des Bouchets

  • Chancy


REGION: Westschweiz
MARSCHZEIT: 2 h 20 min
AUFSTIEG: 200 m
TIEFSTER PUNKT: 333 m
VERPFLEGUNG: Café de la Place, Chancy
ANREISE: Mit dem Bus nach Chancy/village
MERKMALE: Rundwanderung / Auch/nur im Winter / Am Wasser
Schwierigkeit: T1 Wandern
Streckenlänge: 8,1 km
Abstieg: 200 m
Höchster Punkt: 426 m
Ideale Jahreszeit: Ganzjährig begehbar
Rückreise: Ab Chancy/village mit dem Bus
   

Der westlichste Punkt der Schweiz liegt im Kanton Genf. Vom Dorf Chancy kommt man auf Uferwegen entlang der Rhone gut hin. Reizvolle Wildnis erwartet einen am Ziel. Quer über bewaldete Hügel folgt man dem Grenzverlauf zurück zum Ausgangspunkt. Einzelne Abschnitte auf Hartbelag auch ausserhalb des Siedlungsgebiets.

Wem der Winter schon verleidet, ehe er richtig begonnen hat, möge im Dezember diese Wanderung unternehmen. Einen Steinwurf von der grössten Stadt der Westschweiz entfernt erlebt man im südwestlichsten Zipfel des Kantons Genf eine ungewöhnliche Zeitferne. Der Ausgangspunkt Chancy geniesst zwar Schlafgemeindestatus, verströmt dank einigen umgenutzten Weinkellern aber dennoch einen dörflichen Charme. Ein schmaler Pfad führt zügig zur Rhone hinunter. Schnee gibt es hier selten. Das Gebiet ist ein international bedeutender Rastplatz für Zug- und Wasservögel. Einzig im Norden sieht man die weiss bedeckten Kuppen einiger Jura-Ausläufer. Wie Wolken scheinen sie über der Welt zu schweben – ein unwirklicher Anblick, solche Berge haben nichts mit dem Wanderer zu tun, der hier dem Fluss entlang durch das Ufergehölz streift, in das sich kurioserweise auch Bambus gemischt hat.
Der Zollübergang hinüber nach Frankreich bleibt unbenutzt, da man diesseitig der Rhone bleibt. Zunächst auf dem Chemin de Longet, dann erneut auf einem schmalen Pfad marschiert man weiter der Rhone entlang, bis es zu einem Asphaltsträsschen hochgeht, das eine grosse Waldlichtung durchquert und nach Vers Vaux führt. Hier wird scharf westwärts abgezweigt. Ein dünnes Weglein windet sich durch unberührte Natur. Der Wald ist wild und einsam, unzählige Vögel zwitschern. Würden nicht zwischendurch ihre riesigen Brüder aus Stahl droben durch die Lüfte brüllen, wenn sie zum Landeanflug zum Flughafen Cointrin ansetzen, dann könnte man sich glatt in den endlosen Forst des Horrorfilms «The Blair Witch Project» versetzt fühlen.
Den äussersten Punkt im Westen nennen die romanischen Küstenvölker Finisterre – hier endet das Land, jenseits davon gibt es nur noch wilde Fluten. Der Bois de Chancy im Kanton Genf verdiente den Beinamen Finisterre ebenfalls, auch wenn jenseits davon nicht gerade das finstere Nichts liegt, sondern die Republik Frankreich. Wildnis hingegen gibt es hier in nicht geringem Mass. Einzig einige alte Grenzsteine zeugen von Zivilisation. Man begegnet ihnen, wenn man dem Wanderweg folgt, der von der Rhone weg in einer Schlaufe fast zurück nach Vers Vaux führt und danach in pfeifengerader Linie zum Bois de Fargout hochsteigt.
Die meisten der Grenzsteine scheiden die beiden Staaten anhand der Initialen S und F, doch einige besonders schöne und alte Exemplare tragen noch die Buchstaben G und S – sie stammen aus einer Zeit, da Genf sich erst gerade der Eidgenossenschaft angeschlossen hatte und sich wohl immer noch als unabhängige Republik sah, die an das Königreich Savoyen grenzt. Kaum hat man den kurzen, aber steilen Aufstieg hinter sich, geht es auf gewundenem Pfad gleich wieder hinunter ins idyllische Vallon du Longet. Zwischendurch erinnert die Atmosphäre nochmals an die berüchtigte Blair Witch, die ja zuweilen selbst am hellichten Tag ihren Hexenunfug getrieben haben soll. Nach dem Grenzstein 21 (richtig, die Blöcke tragen Nummern) ignoriert man die Abzweigung ins französische Malagny und nimmt stattdessen den Weg Richtung Chancy/village, umgeht den Schiessstand Le Racleret und gelangt auf einem Asphaltsträsschen über offenes Gelände zurück zum Ausgangspunkt.