Gipfelsicht ins Rhonetal: Auf der Kuppe der Pierre Avoi

Wanderung La Tzoumaz - Pierre Avoi - Verbier

Walliser Bergwelt in Bestform

  • La Tzoumaz

  • Savoleyres

  • Pierre Avoi

  • Verbier


REGION: Wallis
MARSCHZEIT: 5 h 50 min
AUFSTIEG: 1020 m
TIEFSTER PUNKT: 1488 m
VERPFLEGUNG: Restaurant La Marlénaz, Verbier
ANREISE: Mit dem Postauto nach La Tzoumaz/Télécabine
MERKMALE: Aussichtsberg / Passwanderung
Schwierigkeit: T3 Bergwandern / T4 Alpinwandern
Streckenlänge: 13,3 km
Abstieg: 1050 m
Höchster Punkt: 2473 m
Ideale Jahreszeit: Anfang Juni bis Ende Oktober
Rückreise: Ab Verbier/Station poste mit dem Postauto
   

Die Pierre Avoi ist ein formidabler Aussichtsberg im Unterwallis. Der Weg dorthin bietet alles, was sich Wanderer im Wallis erhoffen dürfen: Alpwiesen voller Blüten, alte Bewässerungsgräben, kunstvoll sich ins Gelände schmiegende Bergwege, einen eindrücklichen Passübergang und ein grandioses Gipfelpanorama. Ausserhalb des Siedlungsgebiets durchwegs Naturbelag.

Kann man im grössten Skigebiet der Schweiz überhaupt wandern? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn im Sommer setzt Verbier heute primär auf Biker. Wie in anderen grossen alpinen Destinationen werden sie als die zahlungskräftigere Klientel eingestuft und entsprechend eifrig umworben. Dadurch geraten Wanderer etwas ins Hintertreffen. Vielleicht lassen sie sich allerdings auch mit der Aussicht auf Skiliftmasten, Schneekanonen und andere traurige Zeugen des Winters ins Bockshorn jagen. Gewiss, man findet hier ebenfalls Hänge, an denen sich die Grasnarbe grossflächig durch zahllose Skikanten misshandelt zeigt. Doch dazwischen gibt es auch grossartige, von vielen Generationen geschaffene Kulturlandschaften.
Wenn man also in La Tzoumaz den monströsen Gebäudekomplex bei der Postauto-Endstation hinter sich lässt und sich mit dem Kabelsalat von Hochspannungsleitungen und Seilbahntrassees arrangiert, ist man in der richtigen Stimmung für positive Überraschungen. Es kann nur noch besser werden, und das wird es zügig. An duftenden Wiesen vorbei, die mit ihrer Blütenpracht an Blumengärten erinnern, und durch schattige Nadelholzwälder geht es in langem, anhaltendem Aufstieg in die Höhe. Zwischendurch folgt man auf einem kurzen Abschnitt einer Suone.
Immer wieder erhascht man zwischen den Bäumen prachtvolle Ausblicke zur Rhoneebene und hinüber zum Grand Chavalard sowie zu den beiden Muverans. Der Wanderweg ist nicht immer eindeutig gekennzeichnet, aber das spielt keine grosse Rolle, denn es geht in jedem Fall aufwärts. Je nachdem, ob man auf dem Trassee der blauen oder der roten Skipiste marschiert, hat man die Wahl zwischen gemässigtem und etwas steilerem Anstieg.
In Savoleyres nimmt die Wanderung eine grossartige dramaturgische Wende, die an einen Passübergang erinnert: Auf dem grünen Kamm öffnet sich die Sicht ins Val de Bagnes, das vom Mont Fort gekrönt wird. In der Tiefe dehnt sich das Siedlungsgebiet von Verbier aus. Dorf oder Stadt? Eigentlich zählt der Ort nur etwas mehr als 3000 Einwohner. Doch in der Hochsaison im Winter leben dort bis zu zehnmal so viele Menschen. Dass dies eigentlich städtischen Dimensionen entspricht, erkennt man schon von weitem.
Die Route geht nun in eine wunderbar aussichtsreiche Höhenwanderung über, die zum Col de la Marlene führt. Unterdessen ist auch das Ziel der Wanderung zu erkennen: Die Pierre Avoi ist ein felsiger Klotz, der hoch über dem Rhonetal thront und deshalb vom halben Unterwallis aus zu sehen ist. Während seine nördliche Seite unbezwingbar erscheint, führt am Südhang ein gut ausgebauter Bergwanderweg bis nahe an den Gipfel heran. Die letzten rund 30 Höhenmeter gilt es auf einem Alpinwanderweg der Klassifikation T4 zu überwinden. Stahlketten, eine Holztreppe und eine Leiter erleichtern den Aufstieg, man braucht also nicht einmal die Hände zu Hilfe zu nehmen. Die Strecke führt allerdings an zwei sehr steilen Runsen vorbei, ist dort entsprechend ausgesetzt und eignet sich damit nur für schwindelfreie Berggänger. Wer sich die Passage nicht zumuten mag, traversiert den Hang auf dem Bergwanderweg unterhalb des Gipfels. Die Aussicht ist auch von dort superb: Sie reicht von den Dents du Midi über den Mont Blanc bis zu den Gipfeln der Berner Alpen.
Der Abstieg verläuft zunächst auf schmalen Fusspfaden über steinig-karge Alpböden nach Comba Plâne und La Marlene. Bei der Wegverzweigung am Punkt 2’582'090/1’106'500 lohnt es sich, den rechts abgehenden Wanderweg zu verlassen und einen kurzen Umweg an der nahen Alphütte vorbei hinunter zur Bisse du Levron einzuschalten. Wenn man dem munter plätschernden Wasserlauf talauswärts folgt, gelangt man nach etwa 500 m zurück auf die offizielle Wanderroute.
Der Weg wird nun zusehends breiter, und vom Restaurant de la Marlenaz an geht es auf einem Kiessträsschen talwärts. Anders als in vielen Wintersportorten franst die touristische Infrastruktur in Verbier nicht ungeordnet in die Umgebung aus. Die Gemeinde Bagnes, zu der Verbier gehört, hat es geschafft, das Siedlungsgebiet kompakt zu halten und einigermassen scharf von der ländlichen Umgebung zu trennen. Bis an den Ortsrand erinnern Alpweiden voller Bergblumen, Glockengebimmel und muhende Eringerkühe daran, dass hier auch heute Berglandwirtschaft betrieben wird. Von Les Luis führt eine 1,7 km lange Trottoirstrecke über Les Creux und Brunet ins Ortszentrum. Am Weg liegt die katholische Kirche von Verbier, die wegen ihres wie ein weisser Pfeil in den Himmel ragenden Turms schon von weitem sichtbar ist. Der rundliche, innen nur von wenig Tageslicht durchdrungene Kirchenraum vermittelt die Geborgenheit einer warmen Höhle.