
Wanderung Derborence - Le Godey
Durch den Urwald von Derborence
Wanderzeit: 3 h 25 min
Schwierigkeitsgrad: T3 Anspruchsvolles Bergwandern *
Saison: Juni - Oktober
Auf der einstigen Alp Derborence entstand nach zwei katastrophalen Bergstürzen ein grosser Urwald. Das Gebiet, das früher als verrufen galt, steht heute unter Naturschutz. Eine Rundwanderung vermittelt spannende Einblicke in die urwüchsige Natur. Die Tour verläuft fast durchwegs auf Naturbelag.
Detaillierte Routenbeschreibung
Mitten in der Wildnis endet eine der abenteuerlichsten Postautofahrten, die man in der Schweiz unternehmen kann. Sie führt von Sion ins Tal der Lizerne. Ein schmales Strässchen zieht sich hoch über dem Abgrund dem Hang entlang. Mehrere gewundene Tunnels sind so eng, dass die Busse nur knapp hindurchpassen. Wer auf der Bergfahrt einen Fensterplatz auf der linken Seite des Fahrzeugs ergattert, kann fast senkrecht mehrere hundert Meter tief in die Schlucht blicken.
Am Wendeplatz eines Schottersträsschens heisst es aussteigen. Der unscheinbare Schauplatz liegt mitten in einer spektakulären Wildnis. Im 18. Jahrhundert ereigneten sich hier im Abstand von mehreren Jahrzehnten zwei gewaltige Bergstürze, die eine blühende Alp unter teilweise etlichen Dutzend Meter hohen Felsmassen begruben. Mehrere Älpler und zahlreiche Kühe kamen ums Leben, etliche Alphütten wurden verschüttet. Für die Einheimischen war klar: Hinter der Tragödie musste der Teufel stecken. Der Berg über der Alp, den man zuvor Rochers de Champ genannt hatte, erhielt aus diesem Grund einen neuen Namen: Les Diablerets.
Das Geröll staute mehrere Tümpel und einen kleinen See auf. Der Schauplatz des Unglücks galt fortan als verflucht, die Menschen mieden ihn. Deshalb konnte sich dort die Natur ungestört entwickeln. Im Laufe der Zeit entstand ein ausgedehnter Urwald – einer der wenigen, die es in der Schweiz heute noch gibt. Kiefern und Tannen, die teilweise jahrhundertealt sind, prägen sein Gesicht. Manche der Bäume stammen sogar aus der Zeit vor dem Bergsturz und haben die Katastrophe seinerzeit überstanden.
Die malerische und zugleich abweisende Wildnis von Derborence lässt sich gut auf einer Rundwanderung erkunden. Ausgangspunkt ist die Endstation der Postautolinie. Einen richtigen Wegweiser mit Ziel- und Zeitangaben gibt es dort zwar nicht (Stand: Herbst 2025), sondern bloss zwei gelbe Pfeile. Der eine weist zur Fortsetzung des Strässchens, das oberhalb des Lac de Derborence endet, der andere zu einem schmalen Pfad, der in nordöstlicher Richtung in den von Blockschutt durchsetzten Bergwald führt. Der von Tannen, Bergföhren und Lärchen gesäumte Weg zieht sich leicht ansteigend den Hang entlang; Lücken zwischen den Bäumen bieten wiederholt eine eindrückliche Aussicht auf den Grund des weiten Hochtals, auf dem sich das einstige Bergsturzgebiet ausdehnt.
Allmählich lässt man das bewaldete Blockschuttgebiet hinter sich und gelangt auf Weideland. Beim Weiler La Lui d’en Bas verzweigen sich die Wege. Geradeaus setzt sich die Tour ins wilde und menschenleere Tal der Lizerne de la Mare fort. Der Weg wird hier zunehmend schmal und steil. Stellenweise ist die Begehung auch etwas heikel, da einzelne Passagen im Steilhang abgerutscht sind. Wenn der Wildbach zudem viel Wasser führt, kann er nur mit Schwierigkeiten überquert werden, da es keinen Steg gibt. Sollte man sich diesen Abschnitt nicht zutrauen, dann kann man ihn umgehen, indem man direkt nach Le Godey absteigt.
Der Abstecher ins Seitental führt mehrheitlich durch Bergwald und über einzelne kleine Weideflächen zur Ferienhaussiedlung Montbas (auf der Landeskarte als «Mombas» vermerkt). Von dort geht es steil hinunter nach Le Godey. Einige Meter oberhalb der Postautohaltestelle steht eine dem Niklaus von Flüe geweihte Kapelle. Auf dem hübschen Plätzchen davor laden Sitzbänke zum Verweilen und Ausruhen ein.
Nun gelangt man wieder in das Gebiet, wo sich die Felsmassen der einstigen Bergstürze abgelagert haben. Ein Kiessträsschen führt praktisch ebenen Wegs hindurch. Es endet bei der Brücke über die Lizerne de Derborence. Auf der gegenüberliegenden Seite taucht man nochmals in eine richtig urwüchsige Landschaft ein. Massige, kantige Felsblöcke und knorrige Nadelbäume säumen den Weg. Ein steiniges, von Wurzeln durchsetztes Weglein windet sich den Hang hoch, bis man die Ebene des Lac de Derborence erreicht.
Mit dem Ausblick auf das Wasser muss man sich noch etwas gedulden – am Südufer verstellen Bäume und Sträucher die Sicht. Reizvoll ist dieser Abschnitt dennoch: Der Weg schlängelt sich über Kiesflächen, durch Auengehölze und an kleinen Bächen vorbei. Nach einer Weile öffnet sich die Sicht auf den See. Abgesehen von etlichen Gletscherseen, die sich im Alpenraum seit Ende des 20. Jahrhunderts aufgrund des fortschreitenden Gletscherrückgangs gebildet haben, gilt der Lac de Derborence als einer der jüngsten auf natürliche Weise entstandenen Seen der Schweiz.
Nur wenige Postautokurse pro Tag verkehren nach Derborence. Die Wartezeit bis zur nächsten Abfahrt lässt sich mit einer Einkehr im Refuge du Lac de Derborence verkürzen; das Restaurant liegt am Weg zurück zur Endhaltestelle der Postautolinie.











