Oberhalb von Vernayaz geniesst man einen prachtvollen Ausblick auf die Rhoneebene.

Wanderung Finhaut-Vernayaz

Wandern auf der Kutschenstrasse

  • Finhaut

  • Le Trétien

  • Les Marécottes

  • Salvan

  • Vernayaz


REGION: Wallis
MARSCHZEIT: 3 h 45 min
AUFSTIEG: 230 m
TIEFSTER PUNKT: 451 m
VERPFLEGUNG: Zoo et Piscine, Les Marécottes
ANREISE: Mit der Bahn nach Finhaut
MERKMALE:
Schwierigkeit: T1 Wandern
Streckenlänge: 12,9 km
Abstieg: 990 m
Höchster Punkt: 1306 m
Ideale Jahreszeit: Mitte Mai bis Ende Oktober
Rückreise: Ab Vernayaz mit der Bahn
   

Die «Route des diligences» verband im 19. Jahrhundert das Rhonetal mit Chamonix. Die Strasse wurde eigens für den Kutschenverkehr kunstvoll ins steile Gelände gebaut, ist noch immer hervorragend erhalten und eignet sich perfekt für eine Wanderung durch das Val de Trient. Ausserhalb der Dörfer fast durchwegs Naturwege.

Das Dörfchen Finhaut liegt am äussersten Rand der Schweiz in einer überaus wilden Landschaft. Wegen der anspruchsvollen Topografie war die Gegend früher fast unzugänglich. Nur ein schlechter Saumpfad führte durch das Val de Trient. Das Tal hatte allerdings einen unschlagbaren Vorzug: Es bot den kürzesten Zugang nach Chamonix. Um den vielen ausländischen Touristen, die den Mont Blanc bestaunen wollten, die Anreise zu erleichtern, entschloss man sich Mitte des 19. Jahrhunderts, für den Kutschenverkehr von und nach Chamonix eine Strasse zu bauen. Jahrzehntelang war die «Route des diligences» eine bedeutende Achse. Mit der nächsten Verkehrsinnovation, der 1906 in Betrieb genommenen Bahnlinie von Martigny nach Le Châtelard (und weiter nach Chamonix) verlor sie ihre Bedeutung jedoch auf einen Schlag. Für den aufkommenden Autoverkehr erwies sich das Trassee als zu eng und zu steil – ein Glücksfall ohnegleichen, denn aus diesem Grund blieb die Kutschenstrasse bis in unsere Tage weitgehend in ihrem Originalzustand erhalten. Die Route dient seither praktisch nur noch dem Fussverkehr und stellt damit einen Wanderweg der Extraklasse dar.
Den oberen Endpunkt der «Route des diligences» bildet Finhaut. An verschiedenen Standorten im Dorf informieren Tafeln über den Aufschwung des Fremdenverkehrs, den die Gemeinde im 19. Jahrhundert erlebte, über den Niedergang der touristischen Nachfrage nach dem Ersten Weltkrieg, über den gleichzeitigen Boom der Wasserkraft und über die Bemühungen, der Abwanderung entgegenzuwirken.
Nachdem man die Strasse, die zum Emosson-Stausee hochführt, überquert hat, lässt man Siedlungsgebiet und Asphalt hinter sich. Vorerst ebenen Wegs, alsbald dann in leichtem bis mässigem Abstieg geht es durch den Bergwald. Zwischendurch öffnen sich spektakuläre Tiefblicke in die gähnende Tiefe der Trient-Schlucht; eindrücklich ist auch die Aussicht talauswärts. Eine etwas steilere Passage überwindet die «Route des diligences» mit einer Reihe von eleganten Kehren.
Wie ein Adlerhorst klebt das Dorf Le Trétien über dem Abgrund. Kurz nach dem Weiler La Médettaz kommt man an einem Kuriosum vorbei: Mitten in der felsigen Landschaft liegt ein grosses Schwimmbecken. Mächtige Felsblöcke umranden den Pool des öffentlichen Schwimmbads von Les Marécottes und bilden natürliche Sprungbretter. Nebenan befindet sich der höchstgelegene Zoo Europas; er birgt alpine Wildtiere wie Schwarzbären, Wölfe, Hirsche und Gämsen.
Bei der Bahnstation Les Marécottes überquert man die Strasse oberhalb des Eingangs zum Bahntunnel und gelangt so auf einen schönen Wanderweg, der durch den Wald nach Salvan hinunterführt. Das eigentliche Filetstück der «Route des diligences» steht erst jetzt bevor. Kurz nach der Bahnstation Salvan zweigt die Kutschenstrasse von einer neueren Asphaltstrasse ab und führt in leichtem Abstieg in ein bewaldetes Tälchen, das von einem Bächlein durchflossen wird. Allmählich wird das Terrain steiler, und unvermutet geht die zuvor gerade Strecke in eine Kaskade von Kurven über, die sich elegant und in mannigfaltiger Gestaltung in den Hang schmiegen.
Nicht einmal 700 m beträgt die horizontale Distanz hinunter zum Talboden. Die Erbauer der kunstvoll angelegten Kutschenstrasse haben diesen Weg auf das Vierfache gestreckt. Fast drei Kilometer lang ist die Strecke dadurch geworden. Sie überwindet dabei gut drei Dutzend Haarnadelkurven und erlaubt immer wieder neue Ausblicke auf das wunderschöne, höchst abwechslungsreiche Trassee, in den märchenhaften Bergwald und zur Rhoneebene. Das Gefälle ist so gering, dass Knie- und Hüftgelenke kaum beansprucht werden – selten bereitet Abwärtswandern so viel Vergnügen.
Im untersten Teil des Abstiegs führt die Route durch einen Kastanienwald, ehe sie im Talboden ausläuft. An einem ausgedehnten Elektrizitätswerk, später an Obstbäumen vorbei gelangt man ins Siedlungsgebiet von Vernayaz. Auf der Strassenbrücke überquert man den Trient und erhascht dabei einen Blick in die spektakuläre Schlucht, die der Wildbach geschaffen hat. Nur einen Steinwurf davon entfernt ist die Bahnstation Vernayaz der Linie Martigny-Châtelard.