Ausblick zum Gamserrugg; am Horizont die Berge Vorarlbergs

Winterwanderung Chäserrugg

Gipfelsicht und Spitzenarchitektur

  • Chäserrugg

  • Rosenboden

  • Chäserrugg


REGION: Ostschweiz
MARSCHZEIT: 1 h
AUFSTIEG: 130 m
TIEFSTER PUNKT: 2169 m
VERPFLEGUNG: Berghaus Chäserrugg
ANREISE: Von Unterwasser mit Standseilbahn und Luftseilbahn nach Chäserrugg
MERKMALE: Rundwanderung / Auch/nur im Winter / Aussichtsberg
Schwierigkeit: W1 Winterwandern
Streckenlänge: 2,6 km
Abstieg: 130 m
Höchster Punkt: 2260 m
Ideale Jahreszeit: Dezember bis März
Rückreise: Ab Chäserrugg mit Luftseilbahn und Standseilbahn nach Unterwasser
   

Die leichte Winter-Rundwanderung vom Berghaus Chäserrugg zum Rosenboden ist nach Dauer und Anspruch eigentlich eher ein Spaziergang. Trotzdem lohnt sich der Reiseaufwand: Einerseits wegen der grossartigen Aussicht, andererseits wegen des architektonisch gelungenen Berghauses bei der Seilbahn-Bergstation.

Winterwanderer mögen es kaum, wenn sie mit Skifahrern in eine Gondel gepfercht werden. Gedankenlos werden Stöcke und Bretter gegen ihre Knie und Schultern geschwungen, obendrein müssen sie dröhnende Kommentare über Wetter und Schneequalität anhören. An der Bergstation ist das Ungemach noch nicht zu Ende: Dort erkennen sie zwar, dass alle Pisten perfekt signalisiert sind, doch den Ausgangspunkt zum Wanderweg müssen sie zuerst noch mit detektivischem Spürsinn erspüren. Aber wenn sie ihn einmal gefunden haben, fängt das Glück endlich an: Sobald sie den Pistentrubel hinter sich gelassen haben, tauchen sie in eine wohltuende Stille ein. Jetzt gibt es nur noch Berge, Schnee – und die Route, die wie ein breiter weisser Teppich vor ihnen liegt.
Seilbahnen leben bekanntlich vom Massengeschäft mit Skifahrern. Wanderer sind für sie quantitativ vernachlässigbar. Zur Ehrenrettung der Branche muss allerdings in Erinnerung gerufen werden, dass just sie es war, die das Winterwandern auf gepfadeten Strecken erfunden hat, nämlich als Ergänzung für jene Gäste, die sich nicht immer nur auf Pisten vergnügen mögen. Die Angebotskoppelung war naheliegend, denn nur wer Pisten präpariert, verfügt über geeignete Fahrzeuge, mit denen sich auch Winterwanderwege spuren lassen.
Manche Winterwanderrouten bei Seilbahn-Bergstationen lohnen allerdings den Aufwand der An- und Rückreise kaum: Zu kurz ist die Route im Verhältnis zur Fahrzeit. Auch beim Chäserrugg-Rundweg ist diese Relation nicht unbedingt vernünftig: Berg- und Talfahrt mit Standseilbahn und Luftseilbahn dauern ungefähr gleich lang wie die Wanderung. Die Tour ist aber dennoch empfehlenswert. Auf den beiden aneinandergehängten Schlaufen – man begeht sie am besten im Gegenuhrzeigersinn – bietet sich den Wanderern nämlich eine grandiose Aussicht: Von der Churfirstenkette fällt das Gelände fast senkrecht zum Walensee ab; dahinter erheben sich die Glarner und Bündner Alpen. Auf der Nordseite ragt über dem Toggenburg der Alpstein mit der unübersehbaren Antenne beim Säntis-Berghaus auf.
Es gibt noch ein weiteres erwähnenswertes Reisemotiv. Seit 2016 ist auf dem Chäserrugg-Gipfel ein neues Berghaus in Betrieb, das vom renommierten Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfen wurde. Stararchitektur in den Bergen? Wer sich mit ungutem Gefühl an Mario Bottas gigantische Konservenbüchse am Col du Pillon und an andere Entgleisungen erinnert, kann hier beruhigt aufatmen: Das oberirdisch ganz in Holz gehaltene Bauwerk vereint die Seilbahn-Bergstation mit einem grossen Restaurant. Entsprechend seinem Zweck verfügt es über eine stattliche Kubatur, tritt jedoch wesentlich gemässigter und harmonischer in Erscheinung als viele vergleichbare Bauten in Skigebieten, die bisweilen wie mit Silikon masslos aufgespritzte Chalets wirken. Äusserlich könnte es durchaus als grosse, aber wohlproportionierte Alphütte durchgehen.
Auch im Innern herrscht keineswegs die beunruhigende Stimmung einer anonymen Kantine, sondern vielmehr eine ausgesprochen behagliche Atmosphäre. Zu verdanken ist das nicht nur einer grosszügigen Lounge mit Kaminfeuer, sondern auch den Nischen, in denen ein Teil der Tische und Sitzplätze untergebracht sind und die den Raum wohltuend strukturieren. Schnörkellos ist auch das Untergeschoss konzipiert: Die Wände bestehen aus Sichtbeton; Elemente aus verzinktem Wellblech gliedern die Toilettenräume – eine bemerkenswert ehrliche Lösung. Wer die Rundwanderung abgeschlossen hat, sollte sich deshalb vor der Rückkehr ins Tal dieses architektonische Bijou auf keinen Fall entgehen lassen.