
Wanderung Bauma - Hohenegg - Neuthal
Tobellandschaft und Ingenieurskunst
Wanderzeit: 2 h 15 min
Schwierigkeitsgrad: T1 Wandern *
Saison: April - Dezember
Im 19. Jahrhundert legte der Zürcher Eisenbahnpionier Adolf Guyer-Zeller in seiner Heimatregion Bauma/Neuthal eine Reihe von Wanderwegen an, die er aufwendig mit Brücken und Treppen ausstatten liess. Die Guyer-Zeller-Wege sind auch heute noch ein lohnendes Ausflugsziel. Einer davon führt von Bauma auf die Hohenegg. Etwas über 60% der Strecke verlaufen auf Naturbelag.
Detaillierte Routenbeschreibung
Wenn jemand heute einen Wanderweg um ein paar Dutzend Meter verlegen will, braucht er dafür zwingend eine Baubewilligung und durchläuft dadurch ein bürokratisches Prozedere mit allen möglichen Finessen. Das war im ausgehenden 19. Jahrhundert noch ganz anders. Wer Geld hatte, konnte mit dem Boden mehr oder weniger alles anstellen, was er wollte – egal, ob er eine Fabrik in die Höhe ziehen oder eine Eisenbahnlinie verlegen wollte.
Es war die Zeit, als in der ganzen Schweiz zahlreiche teils realistische, teils bizarre Bahnprojekte aus dem Boden schossen (etliche davon wurden auch tatsächlich umgesetzt, andere blieben wolkige Projekte). Eines der kühnsten Vorhaben war der Bau einer Bergbahn zum Gipfel der Jungfrau. Deren Initiant war der Zürcher Grossindustrielle Adolf Guyer-Zeller (1839–1899); in Neuthal im Zürcher Oberland betrieb er eine Baumwollspinnerei und war mit Textilhandel zu Geld und Ansehen gekommen. Guyer-Zeller war auch die treibende Kraft hinter der Uerikon-Bauma-Bahn, mit der er seinen Spinnereibetrieb ans Schweizer Eisenbahnnetz anschliessen wollte und die er zugleich als Teil einer Verbindung zwischen Bodensee und Gotthard betrachtete.
Noch vor dem Bau der Jungfraubahn setzte Guyer-Zeller in seiner Heimat zu einem anderen ungewöhnlichen Tourismusprojekt an. Von Neuthal aus liess er sternförmig verschiedene Fusswege anlegen. Nach seinem Tod zerfiel das Netz allerdings schon bald wieder. 1948 wurden die Wege saniert; seither werden sie von den örtlichen Verkehrsvereinen instandgehalten.
Im Vergleich zu anderen Gebieten im Schweizer Mittelland weist die Region Neuthal/Bauma eine anspruchsvolle Topografie mit tief eingeschnittenen Tobeln, Wasserfällen, abschüssigen Felswänden und steilen Waldhängen auf. Die Wege mussten deshalb mit zahlreichen Kunstbauten wie Brücken, Treppen und Geländern ausgestattet werden. Man erzählt sich, der Industrielle habe diese Pfade als Wohlfahrtseinrichtung für die Arbeiterinnen und Arbeiter in seinem Betrieb anlegen lassen. Andere Stimmen halten dies für wenig plausibel. Es sei schwer vorstellbar, wie Fabrikarbeiter mit sechs 13-Stunden-Arbeitstagen pro Woche, wie sie damals üblich waren, noch Zeit und Interesse fürs Wandern hätten aufbringen können, moniert etwa der entsprechende Wikipedia-Eintrag; dort wird auch postuliert, Guyer-Zeller habe diese Wege wohl angelegt, um seine Freunde und Gäste zu beeindrucken.
Wie auch immer, die Guyer-Zeller-Wege, wie sie noch heute genannt werden, sind interessante und sehenswerte Werke. Sieben Routen gibt es insgesamt; die einzelnen Marschzeiten betragen zwischen knapp einer und maximal drei Stunden. Manche Strecken lassen sich miteinander kombinieren, so dass sich dann auch längere Touren ergeben.
Ein eindrückliches Beispiel für den Geist, den diese Anlagen atmen, ist der Aufstieg von Bauma durch das Lochbachtobel auf die Hohenegg und der nachfolgende Abstieg nach Neuthal. Gemäss einer Auflistung auf der Website der Gemeinde Bauma gibt es auf dieser Strecke nicht weniger als 31 Brücken und 37 Treppen.
Zu Beginn der Tour deutet noch nichts darauf hin, dass einem schon bald ein abenteuerlicher Anstieg bevorstehen wird. Vom Bahnhof Bauma geht es zunächst ebenen Wegs durch den Talboden der Töss an den östlichen Dorfrand. Dort zweigt man von der Hauptstrasse südwärts ab und gelangt in vorerst sanftem Aufstieg an Wiesen vorbei in den Wald. Nun geht es ins Tobel des Lochbachs. Zunehmend abschüssiger werden die Hänge; schliesslich steht man vor einer senkrechten Felswand, über die ein schmächtiger Wasserfall in die Tiefe rieselt. Nachdem man den Bach auf einer Brücke überquert hat, geht es auf einem schmalen Treppenweg jählings sehr steil aufwärts, bis man wieder ein Waldsträsschen erreicht, das einen zur nächsten Geländestufe führt. Nun folgt eine ganze Kaskade von Stegen und Treppen, die im Zickzack den Hang aufwärtsführen, bis man die ebenfalls bewaldete Kuppe der Hohenegg erreicht. Auf ihrem höchsten Punkt liegt ein Rastplatz mit Feuerstelle.
Der Abstieg nach Neuthal verläuft durch eine etwas weniger spektakuläre Landschaft, ist aber ebenfalls mit zahlreichen Metallbrücken ausgestattet. Und im Unterschied zur Aufstiegspassage begegnet man hier nicht nur neuzeitlichen Bauwerken, sondern auch solchen, die nach ihrem Design und der vielen Patina, die sie angesetzt haben, wohl noch aus Guyer-Zellers Zeit stammen.
Der Abstieg endet unweit des Fabrikgebäudes in Neuthal, das Guyer-Zeller für seine Spinnerei erbauen liess. Dieses beherbergt heute ein Museum der Textilproduktion mit zahlreichen funktionstüchtigen historischen Maschinen. Ein weiterer Abschnitt im Netz der Guyer-Zeller-Wege führt einen über den Weiler Silisegg zurück nach Bauma. Im ersten Teil folgt der Wanderweg dem Trassee der vom Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland betriebenen Museumsbahn Bauma-Hinwil, das von der einstigen, 1968 stillgelegten Uerikon-Bauma-Bahn übriggeblieben ist.











