Bei Petite Charbonnière

Wanderung La Brévine - Les Verrières

Auf Bourbakis Spuren

  • La Brévine

  • Les Bans

  • Petite Charbonnière

  • Les Verrières


REGION: Jura
MARSCHZEIT: 5 h 30 min
AUFSTIEG: 340 m
TIEFSTER PUNKT: 914 m
VERPFLEGUNG: Picknick aus dem Rucksack
ANREISE: Mit dem Postauto nach La Brévine
MERKMALE:
Schwierigkeit: T1 Wandern
Streckenlänge: 20,2 km
Abstieg: 460 m
Höchster Punkt: 1219 m
Ideale Jahreszeit: Anfang Mai bis Mitte November
Rückreise: Ab Les Verrières mit dem Bus
   

Vom Schweizer Kältepol La Brévine bis zur Landesgrenze bei Les Verrières führt diese Wanderung durch Wälder und über Juraweiden. 1871 war die Gegend Schauplatz eines Kriegsdramas und der Geburtsstunde der humanitären Tradition der Schweiz. Neben 6 km auf Asphalt im Raum Les Bayards weitere Hartbelagsabschnitte ausserhalb des Siedlungsgebiets.

Rund 1500 Menschen lebten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Dorf Les Verrières im Neuenburger Jura (heute sind es noch knapp die Hälfte). Doch Anfang Februar 1871 explodierte die Bevölkerung innert weniger Stunden auf das Vierzig- bis Fünfzigfache. Hintergrund war der Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Nach der Niederlage Frankreichs war zwischen den beiden kriegführenden Mächten im Januar 1871 ein Waffenstillstand geschlossen worden. Davon war indessen die französische Armée de l'Est ausgenommen. Die nach ihrem ersten Kommandanten Charles Bourbaki benannte Truppe hatte kurz zuvor versucht, den deutschen Belagerungsring um Belfort zu sprengen, dabei aber eine schwere Niederlage erlitten.
Bei eisigen Temperaturen trat die komplett demoralisierte und verlotterte Bourbaki-Armee die Flucht vor den ausgeruhten und bestens ausgerüsteten Deutschen an. Den knapp 100'000 Mann drohte ein katastrophaler Untergang. Als einziger Ausweg blieb die Flucht in die Schweiz. Die Modalitäten für das militärische Asyl wurden zwischen dem Schweizer General Herzog und dem französischen General Clinchant Ende Januar ausgehandelt.
Vom 1. bis zum 3. Februar 1871 betraten rund 87'000 französische Armeeangehörige den rettenden Schweizer Boden. Kleinere Kontingente überschritten die Grenze bei den Posten von Vallorbe und Ste-Croix; der grösste Teil von ihnen gelangte jedoch nach Les Verrières im Neuenburger Jura. Die Ankunft der mitleiderregenden Gestalten im Grenzdorf wurde zehn Jahre später vom Genfer Maler Edouard Castres in einem monumentalen Rundgemälde festgehalten. Das Bourbaki-Panorama in Luzern ist eines der wenigen weltweit noch erhaltenen Zeitzeugnisse dieser Art. Das plastisch gestaltete Vorgelände unterhalb des Gemäldes verdeutlicht die dem Werk zugedachte Funktion: Als Vorläufer des Kinofilms sollte es den Betrachter mittels einer umfassenden Illusion überwältigen.
Für die Internierten baute das wenige Jahre zuvor gegründete Rote Kreuz innert kürzester Zeit eine gewaltige logistische Hilfsmaschinerie auf, die in ganz Europa Eindruck machte: Die hungrigen und von der Kälte in Mitleidenschaft gezogenen französischen Soldaten wurden gleich vor Ort mit heisser Suppe und warmen Kleidern versorgt, danach auf 188 Städte und Dörfer in fast allen Landesteilen verteilt, wo sie während sechs Wochen verblieben. Später konnten die Internierten wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Im Umland von Les Verrières herrscht im Winter wegen beissender Bise oft garstige Kälte. Im benachbarten Dorf La Brévine wurde sogar die tiefste je in der Schweiz offiziell gemessene Temperatur registriert: Minus 41,8 Grad war es dort am 12. Januar 1987. Zur Vegetationszeit hingegen bietet die Gegend liebliche Reize: Mit ihren grünen Weiden, stattlichen Tannen und sanften Hügelwellen lädt sie zu Wanderungen mit viel Weitsicht ein.
Ausgangspunkt für einen Streifzug auf den Spuren der Bourbaki-Armee ist der Dorfplatz von La Brévine. Zunächst geht es entlang der Strasse Richtung Fleurier aus dem Dorf. Schon bald lässt man die Fahrbahn hinter sich und marschiert teilweise auf wegloser Route quer über das Weideland. Nach einer Weile taucht zwischen den Tannen der blau schimmernde Lac de Taillères auf. Der Weg führt vom See weg in leichtem Anstieg nach Les Bans. Dabei wechseln sich Abschnitte auf Weideland und im Wald mehrmals ab.
Nach einer längeren Waldpassage erreicht man die Wegkreuzung Petite Charbonnière, wo man sich an die in Richtung Les Bayards signalisierte Route hält. Bedauerlicherweise wechselt die Wegoberfläche nach einer Weile von angenehmem Kies zu einer nicht enden wollenden Asphaltpiste. Während vollen anderthalb Stunden führt der Wanderweg über Grands Prés und Les Parcs nach Petit Bayard. Erst ausserhalb von Grand Bayard wechselt das Trassee nochmals für eine Weile auf Naturbelag.
Am Routenziel Les Verrières empfiehlt es sich, einen Rundgang über Meudon zur Landesgrenze und zurück ins Ortszentrum einzuschalten. Die Strecke ist zwar als «Parcours didactique Bourbaki» apostrophiert; die Informationstafeln, denen man unterwegs begegnet, sind allerdings inhaltlich unbrauchbar, handelt es sich doch bloss um Grussadressen von mittlerweile längst abgehalfterten Persönlichkeiten (z.B. dem französischen Staatspräsidenten Hollande oder dem Schweizer Armeechef Blattmann) an die Initianten des Rundwegs. Der Verein, der hinter dem Projekt steht, hat jedoch auf seiner Website bourbaki.verrieres.ch einen Flyer mit interessanten Informationen zu ausgewählten Standorten der Ereignisse von 1871 aufgeschaltet. Südwestlich des Dorffriedhofs steht sogar ein alter Eisenbahnwagen, wie er in Castres Panorama dargestellt ist. Im Inneren des Waggons vermitteln einige Tafeln Einblick ins rechtliche Prozedere der damaligen Internierungen.