
Wanderung Sils im Domleschg - Tiefencastel (Schinschlucht)
Die «grässliche» Schinschlucht ist ein Wandervergnügen
Wanderzeit: 5 h 10 min
Schwierigkeitsgrad: T3 Anspruchsvolles Bergwandern *
Saison: Mai - November
Der «Alte Schin» ist ein spektakulär angelegter Weg, der das Domleschg über die Schinschlucht mit dem Albulatal verbindet. In alter Zeit war die Strecke wegen ihrer exponierten Passagen gefürchtet. Heute sind die Gefahrenstellen mittels Geländern und einem Tunnel entschärft. Die Wanderung von Sils nach Tiefencastel verläuft zu rund 70% auf Naturbelag.
Detaillierte Routenbeschreibung
Auf ihrem Weg von Tiefencastel nach Thusis hat die Albula im Verlauf der Jahrtausende eine tiefe, völlig unwegsame Schlucht ins Gelände gegraben. Der Schin, so wird sie genannt. Die Bedeutung des Flurnamens (auch der Schreibweise Schyn begegnet man) ist unklar, ja es ist nicht einmal gesichert, ob das Wort deutschen oder rätoromanischen Ursprungs ist. Man war sich jedoch einig, dass es sich um ein «tiefes, grässliches Tobel» handelt. So heisst es jedenfalls in einer Bündner Chronik aus dem 18. Jahrhundert.
Um das Hindernis zu umgehen, wurde am nordseitigen Rand des Einschnitts ein Saumweg angelegt, der die Dörfer Scharans und Muldain verbindet. Der Strecke kam wohl vornehmlich lokale Bedeutung zu. Ein anderer Chronist jener Zeit berichtet jedenfalls, von fremden Reisenden sei «dieser grausenerweckende Weg, gegen den die so fürchterlich beschriebene Viamala eine bernische Chaussée genannt werden kann», vielleicht noch nie gesehen worden. Diese Einschätzung gilt heute aus zwei Gründen nicht mehr. Einerseits zieht die Schinschlucht wegen ihres aussergewöhnlichen landschaftlichen Charakters Wandernde nicht nur aus der unmittelbaren Umgebung an. Andererseits sind die einst «grausenerweckenden» Abschnitte heute mit Kunstbauten gesichert.
Die Wanderung durch die Schinschlucht beginnt man am einfachsten in Sils. Dort könnte man durchaus erst im Ortsteil Cumparduns starten und gleich stracks zur Siedlung Albula marschieren. So würde man sich allerdings um einen Einstieg bringen, der zwar mit einem Umweg verbunden ist, einem jedoch bereits erste malerische Landschaftseindrücke bietet. Es empfiehlt sich daher, das Postauto bereits beim Dorfplatz von Sils zu verlassen und zum alten Bahnhof Sils aufzusteigen. Von dort geht es bei prächtiger Aussicht auf das ganze Domleschg und zum Piz Beverin in sanftem Abstieg zum romanischen Kirchlein St. Cassian und um das Schloss Baldenstein herum zur Siedlung Albula. Auf einer Werkstrasse gelangt man zum Kraftwerk, wo der Talfluss Albula überquert wird. Schon bald verengt sich der Talboden, zugleich endet die Asphaltstrecke. Der Wanderweg zieht sich nun als schmaler Pfad den bewaldeten Hang hinauf. Beim Weiler Parnegl marschiert man nochmals kurz über offenes Gelände und auf Asphalt, danach geht es für längere Zeit im Wald und nun durchwegs auf Naturbelag weiter.
Bei der Wegkreuzung Plaun Fontauna steht ein gut ausgebauter Rastplatz mit Holzbänken und -tischen sowie einer Feuerstelle bereit. Die Steigung, die bis anhin zwischendurch recht kräftig war, nimmt nun spürbar ab. Eine Weile lang wandert man annähernd ebenen Wegs, dann geht es erneut aufwärts, und schon bald erreicht man die Schlüsselstelle des Schluchtwegs: Im Val da Mir (oder Moir) bildet eine senkrechte Felswand ein nahezu unpassierbares Hindernis. Im 18. und 19. Jahrhundert vermochte man diese Passage wohl nur behelfsweise mit Bretterstegen und Seilkonstruktionen zu überwinden. 1920 umging man den tückischen Abschnitt durch den Bau eines kurzen Tunnels, den man schon wenige Jahre später durch einen etwas längeren Stollen ersetzte.
Die etwa 100 Meter lange Tunnelstrecke ist dank Solarenergie beleuchtet. In der Schinschlucht gibt es allerdings neben den Vorzügen moderner Elektrizitätstechnik auch deren Schattenseiten zu erleben. Gleich zwei Hochspannungsleitungen durchziehen das Tal und verunstalten die Landschaft. Immerhin zum Teil aufgewogen wird dies durch die spektakuläre Anlage des Wegs: Auf längeren Abschnitten ist das Trassee in den Fels gehauen und talseits mit Drahtgeländern gesichert, was an verschiedenen Stellen ungehinderte Ausblicke in den Abgrund und über die Schlucht hinweg ins Domleschg erlaubt. Dieses wohl attraktivste Teilstück der Wanderung endet im Gebiet Plam Pedra Purtgera, wo ein weiterer Rastplatz zur Verfügung steht – je nach Bedürfnis für einen kurzen Zwischenhalt oder für ein ausgiebiges Picknick samt Grillieren.
Eine Viertelstunde später verlässt man den Wald und überblickt ein grossartiges Panorama: Über dem Albulatal erhebt sich majestätisch der Piz Mitgel, auch der Gipfel des Piz Ela zeigt sich. Mit dieser prächtigen Aussicht vor Augen gelangt man leicht aufsteigend an den Dorfrand von Muldain/Obervaz. Von dort geht es auf Schotter- und Asphaltsträsschen hinunter nach Nivagl. Die Schweizmobil-Route «Via Albula/Bernina», von welcher der Schinweg ein Teil ist, zweigt hier auf die Strasse ab, die weiter abwärts Richtung Solis führt. Reizvoller ist der geradeaus bzw. sanft ansteigende Höhenweg, auf dem man in direkter Linie nach Alvaschein gelangt.
Im Dorf gibt es eine Postautohaltestelle, man könnte die Tour durchaus bereits hier beenden. Es empfiehlt sich jedoch, sie bis Tiefencastel noch ein wenig zu verlängern. Zwar muss man dabei zunächst einen ausserordentlich unansehnlichen Abschnitt in Kauf nehmen: Einen halben Kilometer lang marschiert man auf einer Asphaltstrasse, eingeklemmt zwischen einer schwarzen Wand von Solarpanels und dem Verkehrslärm der direkt daneben verlaufenden Nationalstrasse. Umso reicher wird man entschädigt, nachdem man auf einem lauschigen Naturweg in den Wald gelangt ist: Der Pfad senkt sich zur Lichtung Mistail, wo sich eine kleine Baugruppe befindet, die vollkommen aus der Zeit gefallen scheint. In ihrem Zentrum steht die Kirche St. Peter, die um 800 auf den Grundmauern eines noch älteren Sakralbaus errichtet wurde.
Die Stätte barg einst ein Frauenkloster, das allerdings bereits im 12. Jahrhundert aufgehoben wurde. In den drei Apsiden und an den Seitenwänden der Kirche sind herausragende Wandmalereien aus verschiedenen Epochen angebracht. Der nur zu Fuss erreichbare Standort auf einem abgelegenen Felsplateau am Rand der Albulaschlucht ist einmalig: Zivilisationslärm und die Hektik des Alltags scheinen in dieser naturnahen Einsamkeit weit weg zu sein. Und doch dauert es nur eine Viertelstunde, bis man von diesem Idyll den Bahnhof Tiefencastel erreicht hat und die Wanderung damit ihren Abschluss findet.











