
Wanderung S-charl - God da Tamangur - Lü
Im Urwald von Tamangur
Wanderzeit: 4 h 15 min
Schwierigkeitsgrad: T2 Bergwandern *
Saison: Juni - November
Am Übergang des Unterengadins zum Val Müstair liegt ein ganz besonderes Naturjuwel: Der God da Tamangur ist der höchstgelegene Arvenwald Europas. Manche Bäume des urwaldartigen Bestands sind mehrere hundert Jahre alt. Das Gebiet liegt am Wanderweg von S-charl nach Lü. Abgesehen von den letzten 600 Metern verläuft die Strecke durchwegs auf Naturbelag.
Detaillierte Routenbeschreibung
«Unterwegs im Märchenwald von Tamangur» – was nach dem Titel eines Fantasyromans klingt, wird auf der Wanderung aus dem Val S-charl über den Pass da Costainas ins Val Müstair Wirklichkeit. Etwa auf halbem Weg liegt der God da Tamangur, der höchstgelegene geschlossene Arvenwald Europas. Der Wanderweg führt mitten hindurch.
Der für mitteleuropäische Ohren eigenartig klingende Flurname Tamangur geht laut Sprachforschern auf eine lateinische Bezeichnung zurück – entweder auf «attegia minicorum» ( = Hütte der Bergleute) oder auf «attegia monachorum» ( = Hütte der Mönche). Ob der Örtlichkeit eine klösterliche Sommerfrische oder eine Behausung für Bergbauarbeiter zu Gevatter stand, lässt sich nicht mehr eindeutig bestimmen. Beide Optionen sind plausibel.
Für die Variante Bergbau spricht, dass im Val S-charl seit dem Mittelalter in grossem Stil Silber und Blei abgebaut wurde. Das Erz verhüttete man vor Ort in einem Schmelzofen. Für dessen Betrieb benötigte man riesige Mengen Holz, weshalb die umliegenden Wälder weitgehend kahlgeschlagen wurden. Doch obwohl im God da Tamangur unzählige mächtige Bäume standen, liess man die Finger von ihnen. Das hatte vermutlich rein praktische Gründe: Solange weiter unten im Tal genügend Holz geschlagen werden konnte, war es nicht zweckmässig, auch in diesem vergleichsweise abgelegenen Gebiet zu roden, weil man die Stämme von dort über weite Distanzen zum Brennofen hätte schleppen müssen.
Anders als viele Wälder der Region entging deshalb der Wald von Tamangur einem Kahlschlag. Völlig unbehelligt von menschlichen Aktivitäten blieb allerdings auch er nicht. Viele Jahrhunderte lang nutzte man ihn, wie das in der Gegend üblich war, als Waldweide. Zu diesem Zweck trieb man das Vieh in den Wald und liess es auf den lichten Flächen zwischen den Bäumen weiden. Die Tiere frassen dabei nicht nur Gras, sondern tilgten auch jeglichen Jungwuchs.
Auf diese Weise wurde jegliche Verjüngung des Walds unterbunden. Die bestehenden Bäume wurden immer grösser und älter; manche von ihnen starben ab, blieben aber noch während Jahrzehnten als kahle Gerippe stehen. Der Wald von Tamangur wurde zu einem Monument der Vergangenheit – er schien ein altehrwürdiger, dem Untergang geweihter Märchenwald zu sein.
Die Situation änderte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts. Mit dem Schwinden der Waldweide kamen auch wieder Jungbäume auf, die sich im Laufe der Zeit zwischen ihren uralten Vorfahren prächtig entwickeln konnten. Erst jetzt, durch das Fehlen jeglicher menschlicher Eingriffe, ist der God da Tamangur zu einem echten Urwald geworden.
Der grössere Teil der Wanderung von S-charl nach Lü verläuft auf Schottersträsschen, mit denen die Alpwirtschaftsbetriebe der Gegend erschlossen sind. Diese Strecken werden, wie es in Graubünden verbreitete Praxis ist, auch als Mountainbikerouten ausgeschildert und entsprechend teilweise intensiv mit Velos befahren. Auf einzelnen Abschnitten können Wandernde auf schmale Pfade ausweichen. Das betrifft unter anderem den Einstieg zur Tour: Wenige Schritte nach den letzten Häusern von S-charl ist als Variante ein Pfad mit einer weissen Tafel ausgeschildert, der auf der gegenüberliegenden Seite des Talflüsschens Clemgia nach Plan San Martaila und weiter nach Plan d’Immez führt, wo ein Rastplatz mit Feuerstelle bereitsteht.
Auch der Weg durch den God da Tamangur verläuft abseits der Fahrstrasse. Er führt von der Verzweigung im Gebiet Motta da Praditschöl auf der Ostseite des Clemgia-Tals hinauf zu den Alphütten von Tamangur Dadora und dann sanft absteigend durch den Tamangur-Wald zur Alphütte Tamangur Dadaint. Von dort geht es zur Alp Astras auf der gegenüberliegenden Talseite. Landschaftlich sehr reizvoll ist auch der nachfolgende Abschnitt. In leichtem, kaum merklichem Anstieg zieht sich der Weg durch das karg bewachsene Hochtal, nur wenige Dutzend Meter entfernt vom glitzernden Wasser der munter dahinplätschernden jungen Clemgia.
Allmählich nähert man sich dem höchsten Punkt der Tour, dem Pass da Costainas. Er trennt das Val S-charl und damit das Unterengadin vom Val Müstair. Der offizielle Wanderweg verläuft auf der bogenförmig angelegten Kiesstrasse. Nicht auf der Karte eingezeichnet, aber im Gelände signalisiert ist ein in direkter Linie verlaufender Fussweg, der sich gemächlich zur Passhöhe zieht, danach etwas ruppig abfällt und schliesslich wieder in die Fahrstrasse mündet.
Auch die Schotterstrasse weist zunächst ein beträchtliches Gefälle auf, das sich jedoch zusehends mindert, je mehr man sich der Alp Champatsch nähert. Noch vor der Alphütte zweigt ein Weglein ab, das über das Weideland führt und sich danach steil ins Tobel der Aua da Laider senkt. Von der Brücke an, die über den Bach führt, geht es praktisch ebenen Wegs nach Lü, zunächst durch dichten Tannenwald, dann durch lichte Lärchenbestände und an einem lauschigen Rastplatz vorbei, schliesslich auf einem Asphaltsträsschen über Weideland.











