
Wanderung S-charl - Mot Tavrü
Mot Tavrü – am Rand der Wildnis
Wanderzeit: 4 h
Schwierigkeitsgrad: T2 Bergwandern *
Saison: Juli - Oktober
Hoch über dem Val S-charl liegt der Aussichtspunkt Mot Tavrü. Von dort bietet sich ein spektakulärer Blick ins Gebiet des Schweizerischen Nationalparks. Der Weg hinauf führt durch ein urtümliches Bergtal und über eine abgelegene Alp. Die Wanderung verläuft durchwegs auf Naturbelag.
Detaillierte Routenbeschreibung
Für Berge gibt es im rätoromanischen Sprachraum zwei unterschiedliche Bezeichnungen: Der Piz ist spitz, der Munt hingegen hat eine flache Kuppe. Und dann gibt es noch die Motta (oder Mot), was so viel wie Anhöhe bedeutet – also etwas, das kein Gipfel, sondern bloss eine Erhebung ist und damit im Bergland eigentlich nicht gross der Rede wert sein dürfte. Ein hübsches Beispiel dafür ist Mot Tavrü im Unterengadin. Die Anhöhe hoch über dem Val Tavrü ist deutlich weniger hoch als der Piz Tavrü (3167 m), der den Talhintergrund abschliesst und dominiert. Doch mit ihren 2420 Metern überragt sie die meisten Voralpengipfel und auch viele Ausflugsberge in den Alpen. Entsprechend viel Aussicht geniesst man denn auch auf der Kuppe.
Mot Tavrü liegt hoch über dem Val S-charl, einem abgelegenen Seitental des Unterengadins. Ein schmales Strässchen, das auf halbem Weg in eine Schotterpiste übergeht, führt dort kurvenreich in das Tal. Ausgangspunkt ist der Parkplatz unterhalb der Siedlung S-charl bzw. die in der Nähe gelegene zweitletzte Haltestelle (Schmelzra) der Postautolinie. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, sollte jedoch bis zur noch etwas weiter oben liegenden Endstation fahren und zunächst das Dörfchen besichtigen, das aus einer Kirche, Gasthäusern, einem Dutzend Wohngebäuden sowie ein paar Scheunen und Ställen besteht.
Im Tal wurde seit dem Mittelalter recht intensiv Bergbau betrieben. Die Minen, in denen Silber- und Bleierz abgebaut wurde, lagen auf Mot Madlain, die Köhlerei befand sich etwas östlich des Dorfs (das Gebiet heisst noch heute Charbunera). Verhüttet wurde das Erz in der Schmelzra; das Gebäude birgt heute ein Bergbau- und Bärenmuseum. Nach einem letzten Aufschwung im frühen 19. Jahrhundert kam der Bergbau in der Gegend endgültig zum Erliegen. Aus dieser Zeit stammt auch das Knappenhaus in S-charl. Der palastartige Bau ist das grösste Gebäude am Dorfplatz. Er diente den Bergleuten als Unterkunft; heute ist er in Privatbesitz.
Beim Rastplatz nahe der Schmelzra wird die Clemgia überquert. Der Talfluss fliesst unverbaut und ungehindert in einem weiten Flussbett. Bis zur Alp Tavrü wandert man auf einem mässig steil ansteigenden Fahrsträsschen. Das Trassee ist nur streckenweise mit Schotter gedeckt; längere Abschnitte sind grasüberwachsen. Das Rauschen des Wildbachs, der das Val Tavrü entwässsert, begleitet einen im Aufstieg mit schöner Beständigkeit. Bergföhren und Lärchen säumen den Weg.
Im Aufstieg zur Alp Tavrü nähert man sich zusehends der Baumgrenze. Von der Alphütte an geht es auf einem schmalen Pfad mit mehr Steigung aufwärts. In einem weiten Bogen gelangt man hinauf zum Kamm, der das Val Tavrü vom Val Foraz trennt. Das Nachbartal ist unbesiedelt und buchstäblich menschenleer: Es ist Teil des Nationalparks und darf nicht betreten werden. Der Rastplatz am Rand des Schutzgebiets erlaubt gute Einblicke in das wilde Gebiet. Schroff fällt die gegenüberliegende Talseite mit senkrechten Flühen in die Tiefe ab.
Nach einer kurzen, ebenen Wegs verlaufenden Zwischenpassage beginnt der Schlussaufstieg nach Mot Tavrü. Die breite Gipfelkuppe bietet ein grossartiges Panorama: Im Süden und Westen überblickt man einen Teil des Nationalpark-Gebiets, namentlich die Gipfelkette, die das Val Minger und das Val Foraz umgibt; der unglaublich spitze Piz Plavna Dadaint ragt darin prominent hervor. Im Osten zeigt sich die Sesvenna-Gruppe in bestem Licht, im Norden geht die Sicht durch das Val S-charl bis nach Scuol.
Der Abstieg erfolgt zwar auf gleichem Weg, doch bieten sich jetzt ganz andere Perspektiven. Besonders eindrücklich ist die Sicht in den hinteren Teil des Tavrü-Tals.











