Spuren der Zeit: Erodierte Felswände in der Viamala-Schlucht

Malträtierte Landschaft

  • Andeer

  • Zillis

  • Viamala

  • Thusis


REGION: Graubünden
MARSCHZEIT: 5 h 15 min
AUFSTIEG: 730 m
TIEFSTER PUNKT: 697 m
VERPFLEGUNG: Picknick aus dem Rucksack
ANREISE: Mit dem Postauto nach Andeer/Posta
MERKMALE: Familientauglich / Am Wasser
Schwierigkeit: T2 Bergwandern
Streckenlänge: 15,2 km
Abstieg: 1020 m
Höchster Punkt: 1082 m
Ideale Jahreszeit: Anfang Mai bis Mitte Oktober
Rückreise: Ab Thusis mit dem Zug
   

Die nahezu unwegsame Schlucht des Hinterrheins südlich von Thusis wird seit Jahrhunderten auf kühn angelegtem Trassee überwunden. Unglücklicherweise braust heute auch der motorisierte Transitverkehr durch das Engnis. Dennoch ist die Viamala für Wanderer noch immer ein grossartiges Erlebnis. Einige Abschnitte auf Hartbelag auch ausserorts, etwa im Raum Zillis-Reischen, sonst aber meist Naturbelag.

Eine der kürzesten Verbindungen durch die Alpen führt über den San-Bernardino-Pass. Ihr nördlicher Zugang erfolgt durch einen grossartigen Engpass: Zwischen Zillis und Thusis hat der Hinterrhein in jahrtausendelanger Erosionstätigkeit eine tiefe und enge Schlucht geschaffen. Schon zu Römerzeiten wurde diese durchquert, zerfiel dann aber zusehends und galt im Mittelalter als nahezu unbegehbar. Viamala – schlechte Strasse – lautete damals die treffende Bezeichnung für dieses Hindernis.
Im 17. Jahrhundert wurde die Strecke jedoch mit Stegen und Wegen ausgebaut und gewann in der Folge zusehends an Bedeutung als Transitweg. Der Schlucht in ihrer ursprünglichen und wilden Schönheit gereichte dies allerdings nicht unbedingt zum Vorteil: Wo ein Weg ist, entsteht bald auch der Wille zu einem Ausbau. Deshalb ziehen sich heute nicht nur Fusswege durch die Viamala, sondern auch die Kantonsstrasse sowie parallel dazu die Autobahn A13.
Der motorisierte Verkehr rollt zwar streckenweise durch Tunnels, aber leider nicht durchwegs. Daher beeinträchtigen zuweilen intensiver Lärm sowie Abgasschwaden das Wandervergnügen. Die 1967 in Betrieb genommene Strecke muss jedenfalls als Sündenfall eingestuft werden: Eine derartige Beeinträchtigung von solch hochwertigen Natursehenswürdigkeiten käme heutzutage wohl kaum mehr in Betracht.
Schon etliche Jahre zuvor hatte man die Landschaft der Viamala auf andere Weise zu malträtieren begonnen: Ein satter Teil des Hinterrhein-Wassers wird oberhalb der Schlucht abgeleitet und zur Stromproduktion genutzt. Wo der Fluss früher bei Hochwasser die Schlucht oft Dutzende von Metern hoch flutete (und dabei immer wieder auch schwere Schäden anrichtete), plätschert jetzt in aller Regel nur noch ein relativ kümmerliches Restwasser dahin.
Für die Durchquerung der Viamala stehen Wanderern verschiedene Varianten zur Verfügung, welche die kolossale Schlucht aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. Sehr attraktiv ist der Direktzugang von Süden her in Kombination mit der Passage auf der östlichen Talseite. Von Andeer geht es in leichtem Auf und Ab durch Wiesland und Wäldchen über Pigna und Zillis (hier lohnt sich ein Abstecher zur romanischen Kirche mit ihrer einzigartigen bemalten Holzdecke) nach Reischen.
In sanftem Abstieg geht es nun in den sich zusehends verengenden Einschnitt des Hinterrheins. Anfänglich verläuft der Weg durch Wiesland und wird von ausgezeichnet restaurierten Trockenmauern gesäumt, später gibt es nur noch Wald und hohe Felswände. Zu Beginn dieses ersten Teils der Schluchtdurchquerung ist die nahe Autobahn kaum zu überhören. Wo die Schlucht am engsten und tiefsten ist, verschwindet der Lärm glücklicherweise. Dort fliesst das Wasser zwischen bis zu 300 m hohen Felswänden durch ein nur wenige Meter breites Bett. In diesem Bereich ist ein Besucherzentrum eingerichtet, von dem aus der (kostenpflichtige) Zugang zu bizarr ausgeschliffenen Felsformationen und riesigen Strudeltöpfen möglich ist.
Beim Besucherzentrum ignoriert man die weiterhin direkt durch die Schlucht führende Wanderroute nach Rongellen, bleibt stattdessen auf der rechten (d.h. östlichen) Seite des Rheins und erreicht nach kurzem Aufstieg im Wald einen weiteren Höhepunkt der Wanderung: Der Traversinersteg überwindet ein spektakulär tiefes Tobel mittels einer nicht minder aussergewöhnlichen Konstruktion. Die beiden Brückenköpfe liegen nicht etwa auf gleicher Höhe. Die solide und deshalb wenig schwingungsanfällige Hängebrücke überwindet deshalb eine beträchtliche Höhendifferenz und wurde zu diesem Zweck als Treppe angelegt.
Einige kürzere Aufstiegspassagen gilt es noch bis zur Hochebene von St. Albin zu bewältigen. Dort verläuft die Wanderroute praktisch ebenen Wegs am äussersten Rand des Abgrunds. Zwischen den Bäumen, die mit ihren Wurzeln mitunter ins Leere greifen, erhascht man grossartige Tiefblicke in den hier nun bereits deutlich breiteren Einschnitt des Rheins. An der Burgruine Hohenrhätien vorüber gelangt man in mässig steilem Abstieg nach Thusis.