Jenseits des Lauenensees erheben sich das Lauenenhorn und links dahinter der Giferspitz.

Kraftmythen am Lauenensee

  • Lauenensee

  • Walliser Wispile

  • Burg

  • Gsteig


REGION: Berner Oberland
MARSCHZEIT: 4 h 15 min
AUFSTIEG: 610 m
TIEFSTER PUNKT: 1178 m
VERPFLEGUNG: Bären Gsteig
ANREISE: Mit dem Postauto an den Lauenensee
MERKMALE: Höhenweg / Aussichtsberg
Schwierigkeit: T2 Bergwandern
Streckenlänge: 12,6 km
Abstieg: 810 m
Höchster Punkt: 1982 m
Ideale Jahreszeit: Mitte Mai bis Ende Oktober
Rückreise: Ab Gsteig/Post mit dem Postauto
   

Die Wispile scheidet das Gebiet der jungen Saane vom Seitental des Louibachs. Der langgezogene Rücken eignet sich gut für Höhenwanderungen mit tollen Ausblicken in beide Täler. Sehr reizvoll ist der Zugang vom Lauenensee her. Am Schluss der Route 1,5 km Hartbelag, sonst durchwegs Naturwege.

Nicht nur bei eingefleischten Esoterikern geniesst der Lauenensee den Ruf, ein ganz besonderer «Kraftort» zu sein. Auch unverdächtige Zeitgenossen attribuieren den in einer Moorlandschaft liegenden See auf diese Weise. Was macht denn nun eigentlich das Kraftortige eines Kraftorts aus? Da gab es im 19. Jahrhundert diesen Herrn A. Bovis (der Vorname ist nicht eindeutig verbürgt – entweder André oder Antoine), der je nach Standpunkt als Physiker oder Kesselschmied bezeichnet wird. Er schuf eine Skala zur Messung der Energiestärke, die von der Erde ausgeht. Damit ist nicht Wärme oder mechanische Energie gemeint, sondern eine «angebliche» (das Adjektiv wird hier aus Wikipedia zitiert) Strahlung, die sich besonders an Störzonen wie Wasseradern bemerkbar macht und nur von besonders fühlfähigen Menschen z.B. mittels einer Wünschelrute wahrgenommen werden kann.
Bovis versuchte das, was rationalen Menschen als Hokuspokus erscheinen mag, zu verwissenschaftlichen: Je mehr Erdstrahlung ein Ort besitzt, umso höhere Bovis-Werte werden dort bei einer Messung erzielt. Skeptiker vermag dies allerdings nicht zu überzeugen. Sie meinen, es sei widersprüchlich, wenn manche Menschen sich vor Wasseradern fürchteten, gleichzeitig aber Kraftorte aufsuchten. Und überhaupt seien ja bei Herrn Bovis nicht nur der Vorname und der Beruf zweifelhaft, sondern insgesamt auch seine Existenz, denn vielleicht habe sich jemand einfach nur einen Scherz erlaubt – das lauteinische Wort «bovis» bedeute auf Deutsch einfach Rindvieh.
Man kann sich über solche Erwägungen getrost hinwegsetzen und den Lauenensee einfach als das nehmen, was er ist: Ein wunderschöner See in einer attraktiven Naturlandschaft. Obendrein gibt es ihn im Grunde gleich doppelt, denn eigentlich handelt es sich um zwei Seen, die durch ein Sumpfgebiet voneinander getrennt sind. Im Sommer kann man dort baden oder mit einem Mietboot über das Wasser rudern. Ein Rundweg führt rings um die beiden Seen. Vom westlichen Ufer steigt ein breiter Kiesweg sanft am Sonnenhang über dem See auf. Wiesen, Riedflächen und Wälder formen ein buntes Mosaik, das besonders im Herbst in zauberhaften Kontrasten leuchtet. Über Spitze Egg zieht sich der Weg in die Höhe, wird zusehends steiler und schmaler, bis sich die Routen im Wald verzweigen. Geradeaus ginge es zum Chrinenpass.
Wenn man stattdessen südwärts abzweigt, schlägt man den aussichtsreichen Höhenweg zur Walliser Wispile ein. Nach einem weiteren kurzen Aufstieg erreicht man vorerst einen breiten Gratrücken. Hier geniesst man zwischen den Bäumen hindurch nochmals schöne Ausblicke ins Lauenental und zu dessen vom Wildhorn beherrschten Abschluss. Dann verlässt man den Wald und gelangt zu den Alphütten von Hinderi Wispile.
Im Saanenland gibt es Wispilen fast im Dutzend. Die Orte dieses Namens finden sich alle auf dem mit Wald und Alpweiden überwachsenen Felsrücken zwischen Gsteig bzw. Gstaad und Lauenen. Bekannt ist die Höj Wispile im Norden; dort fährt eine Gondelbahn ab Gstaad hinauf. Ihr Name ist allerdings ein wenig irreführend, denn mit 1982 m ist die weiter südlich liegende Walliser Wispile noch fast 50 m höher als die «Hohe Wispile». Daneben gibt es noch die Hinderi Wispile (die von Gstaad und Lauenen aus gesehen eigentlich eher vorne liegt) und die Vorderi Wispile (zumindest aus Gsteiger Sicht «vorne» gelegen). Gelegentlich wird die Eindeutschung «Windspielen» verwendet, der Flurname weist aber weder germanische noch lateinische Wurzeln auf und hat weder mit Wind noch mit Wein zu tun. Vielmehr geht er auf den keltischen Begriff «vis peliona» zurück, mit dem man gutes Weideland bezeichnete. Tatsächlich erstrecken sich zwischen dem Saanen- und dem Lauenental grossflächige Weidegründe, und weil das Gelände nicht allzu schroff geformt ist, sind sie auch günstig zu bewirtschaften.
Nur noch leicht aufwärts geht es nun zur Walliser Wispile. Der «Gipfel» ist eine grasüberwachsene Kuppe, die sich ein paar Dutzend Meter über die Umgebung erhebt. Nun öffnet sich die Sicht Richtung Westen, hinüber zum Diablerets-Massiv und zum Col du Pillon. Der Abstieg ins Tal der jungen Saane verläuft teilweise auf einer bekiesten Alpstrasse. Zwischendurch schneidet er die weitläufig angelegten Kehren auf einem in direkter Linie angelegten Wiesenpfad. Über die Vorderi Wispile gelangt man zur Burg, wo sich einst eine Festung befand, die den Herren von Greyerz gehörte und ihnen erlaubte, den Passverkehr über den Pillon zu kontrollieren.
Ein zuweilen recht steiler, stellenweise mit Drahtseilen gesicherter, aber kaum ausgesetzter Pfad führt durch den Wald in den Talgrund hinab; unterwegs wird mehrmals ein Bergbach überquert, der in den Felshängen einige hübsche Wasserfälle – die Burgfälle – bildet. Am Sanetsch-Elektrizitätswerk vorüber geht es der Saane entlang auf der Strasse nach Innergsteig und von dort direkt ins Dorfzentrum von Gsteig.