Blick zurück ins Stockental beim Aufstieg zur Hohlinde

Wanderung Blumenstein-Allmendingen

Das wiederverwendbare Flussbett

  • Blumenstein

  • Pohlern

  • Hohlinde

  • Alti Schlyffi

  • Allmendingen


REGION: Berner Oberland
MARSCHZEIT: 3 h 45 min
AUFSTIEG: 160 m
TIEFSTER PUNKT: 575 m
VERPFLEGUNG: Restaurant Hohlinde
ANREISE: Mit dem Bus nach Blumenstein/Dorf
MERKMALE: Familientauglich / Am Wasser / Höhenweg
Schwierigkeit: T1 Wandern
Streckenlänge: 13,8 km
Abstieg: 250 m
Höchster Punkt: 760 m
Ideale Jahreszeit: Mitte April bis Ende November
Rückreise: Ab Allmendingen b.Thun/Wendeplatz mit dem Bus
   

Wo früher Wildwasser wüteten, zieht heute ein harmloses Bächlein durch den Auenwald. Nach einer umfassenden Gewässerkorrektion hat die einstige Kander ihr Flussbett gewechselt und ihren Platz dem Glütschbach überlassen. Wer ihm folgt, durchstreift eine sehr ländliche Gegend. Insgesamt rund 40% der Gesamtstrecke verlaufen auf Hartbelag.

Der Glütschbach zeigt einen eigenartigen Verlauf: Zunächst fliesst er durch das Stockental zügig nach Osten, schlägt bei Zwieselberg einen Haken und macht sich dann praktisch in der Gegenrichtung Richtung Nordwesten davon. Zwar folgt die vorliegende Wanderung dem Bach nicht auf ganzer Länge, doch gleichwohl beschreibt sie in der Mitte ebenfalls einen scharfen Richtungswechsel. Unterwegs erhält man einen Eindruck von den Nebenwirkungen eines gross angelegten Bauvorhabens im Alten Bern.
Es war ein Geniestreich – und gleichzeitig eine kolossale Fehlplanung: Weil die Kander mit ihren Geschiebeschüben unterhalb von Thun immer wieder schwere Überschwemmungen verursachte, beschloss man Ende des 17. Jahrhunderts, sie kurzerhand in den Thunersee umzuleiten. Zu diesem Zweck gedachte man durch den Strättlighügel, der das Flussbett wie eine Mauer gegen den See hin abschirmte, einen Tunnel zu bauen. Der Plan gelang tatsächlich, doch schon bald frass die ungestüme Kander die Fundamente des Stollens weg, brachte ihn zum Einsturz und riss eine tiefe Schlucht in den vormals kompakten Hügel.
Noch gravierender aber waren die Hochwasserprobleme, die von nun an in Thun auftraten: Immer wieder wurde die Stadt überschwemmt – bis schliesslich der Kanton Bern entschied, den Kanderdurchstich in seiner Gesamtkonzeption zu vollenden: Nach einem schweren Hochwasser im Jahre 2005 wurde endlich der schon 300 Jahre zuvor geplante Hochwasserstollen unterhalb der Stadt hindurch gebaut. Gut Ding will eben Weile haben…
Der Kanderdurchstich war die erste grosse Gewässerkorrektion auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Weil das Vorhaben zwiespältige Erfolge zeitigte, begegnete man den führenden Köpfen manchenorts mit Hass und Verachtung. Dem Initianten Samuel Bodmer wurde gar mit der Steinigung gedroht, weshalb er schliesslich aus der Region wegzog.
Im früheren Bett der Kander fliesst nach wie vor Wasser, allerdings deutlich weniger als früher. Aufgrund der Kanderkorrektion hatte sich der Wasserstand um mehrere Dutzend Meter abgesenkt, so dass der Wasserlauf komplett trockenfiel. Zahlreiche Mühlen und Sägereien mussten stillgelegt werden, zudem konnten weder das Vieh getränkt noch die Felder bewässert werden. Daher wurde entschieden, den von Westen her zufliessenden Glütschbach mit einem Wehr am Einmünden in die Kander zu hindern und ins frühere Kanderbett abzuleiten.
Von all diesen Problemen und Auseinandersetzungen ist heute nichts mehr zu sehen – im Gegenteil: Die Landschaft betört mit idyllischen Reizen. Schon der Auftakt in Blumenstein entführt in eine Welt abseits von Stress und Lärm. Vom Gasthof Bären gelangt man mit wenigen Schritten zur alten Mühle. Dem zuführenden Fridgraben-Bächlein entlang geht es nach Pohlern und über Wiesen und durch Wald weiter nach Höfen.
Wären nicht unansehnliche Hochspannungsleitungen quer durch die Gegend gespannt, dann wäre die landschaftliche Harmonie perfekt. Für einen zusätzlichen Dämpfer sorgt ein erster Hartbelagsabschnitt, der gleich 2,6 km lang ist (im weiteren Verlauf der Wanderung folgen zusätzliche Asphaltstrecken, die jedoch wesentlich kürzer sind).
Nun folgt eine richtige kleine Höhenwanderung mit schönen Ausblicken nordwärts zum Amsoldingersee und zum Thunersee, im Süden zur Stockhornkette und zum Niesen. Von Hohlinden an geht es anfänglich sanft, dann mässig steil abwärts Richtung Zwieselberg. Noch ausserhalb des Dorfs wird scharf links abgezweigt. Die «Alti Schlyffi» stand einst direkt an der Kander; das Wasser trieb die Räder zum Messerschleifen an; als der Fluss verlegt wurde, verlor das Gebäude seinen Zweck.
Der Wanderweg führt nun mehr oder weniger direkt dem Glütschbach entlang. Um dem Lärm der nahen Autobahn auszuweichen, lohnt es sich, die offizielle Route zwischendurch zu verlassen und auf einem Fusspfad dem Wasserlauf zu folgen. Durch schattigen Auenwald erreicht man an der Schiessanlage Guntelsey vorüber die Allmendinger Tropfsteinhöhlen. Feuerstellen und Picknickbänke laden zur Rast und zum Spielen am Wasser ein. Die «Höhlen» sind imposante begehbare Hohlräume unterhalb von senkrechten Kalkwänden. Ihre Entstehung ist unklar. Der These, sie seien die Überreste von einstigen Bewässerungskanälen, steht die Vermutung entgegen, sie seien einst von der Kander ausgewaschen worden.
Bei der Waldlichtung mit dem kuriosen Flurnamen Amerika verlässt man den Glütschbach und gelangt ins Siedlungsgebiet von Allmendingen.