Beim Eingang zur Aareschlucht; der Gletscherbach mausert sich endgültig zum Fluss.

Wanderung Guttannen-Meiringen

Aare (2): Durch die Schlucht

  • Guttannen

  • Innertkirchen

  • Aareschlucht

  • Meiringen


REGION: Berner Oberland
MARSCHZEIT: 4 h 45 min
AUFSTIEG: 230 m
TIEFSTER PUNKT: 595 m
VERPFLEGUNG: Hotel Handegg
ANREISE: Mit dem Postauto auf die Grimsel/Passhöhe
MERKMALE:
Schwierigkeit: T1 Wandern
Streckenlänge: 14,2 km
Abstieg: 690 m
Höchster Punkt: 1057 m
Ideale Jahreszeit: Mitte Juni bis Mitte Oktober
Rückreise: Ab Guttannen mit dem Postauto
   

Auf der Wanderung von Guttannen nach Meiringen erlebt man auf eindrückliche Weise, wie sich die Aare von einem Bergbach in einen Fluss verwandelt. Die Route verläuft streckenweise auf dem alten Grimsel-Saumweg. Das spektakulärste Teilstück ist der Steg durch die Aareschlucht. Zu Beginn der Route 0,8 km, im Raum Boden weitere 1,9 km und am Schluss nochmals 1,9 km auf Asphalt.

Das alte Klischee, in der Schweiz gebe es keine Bodenschätze, wird im Grimselgebiet deutlich widerlegt. Wasser in Hülle und Fülle sowie satte Höhendifferenzen gibt es hier, wohin man blickt. Die Gegend gilt förmlich als Wasserschloss der Schweiz. Seit bald 100 Jahren wird diese Gegebenheit für die Stromproduktion genutzt, und zwar in grossem Stil: Die Kraftwerke Oberhasli versorgen eine Million Haushalte mit elektrischer Energie. Mehrere grosse Stromleitungen durchziehen das Haslital und verbinden den wilden Osten des Kantons Bern auch energetisch mit Europa.
Die Stromwirtschaft drückt der Landschaft einen diskreten, doch eindeutig wahrnehmbaren Stempel auf: Bäche werden von einem Seitental zum anderen umgeleitet und wilde Wasser zu Seen gestaut, unter dem Boden stürzen die Fluten auf mächtige Turbinen, während oberirdisch zahme Restwasser durch bisweilen etwas zu gross geschneiderte Bachbette strömen. Eines davon ist die Aare. Den Kraftwerksbetrieben ist zu Gute zu halten, dass sie dem Bergbach deutlich mehr Volumen zugestehen, als vorgeschrieben wäre. Es ist somit kein Alibiwässerchen, das gegen Innertkirchen fliesst. Doch den bisweilen ungestümen, ja wilden Charakter, den die Aare hier eigentlich hätte, muss man sich eher denken – er tobt sich in den unterirdischen Druckrohren aus.
In Guttannen ist der Kanton Bern am dünnsten besiedelt. Gut 300 Einwohner zählt die Gemeinde, über 200 Quadratkilometer misst ihre Fläche – fast so viel wie der ganze Kanton Zug. Der grösste Teil dieses Gebiets ist Hochgebirge mit ausgedehnten Gletschern und den höchsten Gipfeln der Berner Alpen. Bis zur Blindlaui verläuft die Wanderroute fast ebenen Wegs, dann fällt sie in mehreren Kehren zur jungen Aare ab. Der von schönen Trockensteinmauern gesäumte Abschnitt verläuft auf der ursprünglichen Route des alten Grimsel-Passwegs. Auf der Höhe des seitlich einmündenden Spreitgrabens hat sich das Flussbett in den letzten Jahren aufgrund mehrerer Murgänge, die riesige Geschiebemengen brachten, deutlich erhöht.
Weiter unten im Gebiet Stocki verläuft die Route über einen besonders schönen, ausgezeichnet erhaltenen Abschnitt des alten Saumwegs. Die Passage der Sprengfluh wurde im 18. Jahrhundert aus der Felswand gesprengt. Der nachfolgende Abschnitt des historischen Strassenkörpers ist praktisch vollkommen mit Gras überwachsen, doch noch immer mit Randsteinen begrenzt.
Über die Innere und die Äussere Urweid geht es nach Innertkirchen. Unterhalb des Dorfs wächst die Aare auf wundersame Weise an, denn hier werden dem Restwasser die Fluten zugeführt, die eben noch die Turbinen antrieben. Nun kann die Aare ihren Charakter erstmals voll entfalteten: Sie zeigt sich nicht mehr als Gletscherbach, sondern als veritabler Fluss.
Und gleich steht ihr der wohl aufregendste Abschnitt ihrer langen Reise ins Meer bevor: Zwischen senkrechten, bis zu 200 m hohen Felswänden kämpft sie sich durch den Felsriegel des Kirchet nach Meiringen. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist die Aareschlucht mit einem Steg erschlossen. Anfänglich erscheint sie noch als breites Tal, doch dann verschlankt sich der Einschnitt immer mehr.
Bei der Grossen Enge sind sich die ausgeschliffenen Wände schon bedrohlich nahe gerückt; von oben dringt nur noch wenig Tageslicht herunter. Die Steigerung folgt bei der Kleinen Enge: Der Durchgang ist nur noch gerade einen Meter breit. Mattes Licht und dumpfe Feuchte sorgen für eine geradezu gespenstische Atmosphäre. Umso blendender ist der Sonnenschein auf dem letzten Teilstück der Wanderung, das zum Bahnhof Meiringen führt.