Ur-Comics in Zillis

Wenn man die Kirche St. Martin in Zillis (das Dorf liegt am Weg durch die Viamala-Schlucht) betritt, fallen einem sogleich die Holzkisten auf, die an zwei Kirchenbänken befestigt und mit Handspiegeln gefüllt sind. Spiegel in der Kirche - was soll denn das!? Wird hier etwa weltlichem Tand, Kosmetik und Hoffart gefrönt? Oder handelt es sich um eine archaische Möglichkeit, sein eigenes Gesicht als Selfie zu betrachten? Das Rätsel klärt sich, wenn man den Blick in die Höhe richtet.

An der Decke prangt ein buntes Mosaik von Darstellungen biblischer Szenen. Zillis verfügt über die älteste figürlich bemalte und praktisch vollständig erhaltene Holzdecke der gesamten abendländischen Kunst und damit über einen Kunstschatz erster Güte.Grosse Teile der heutigen Kirche stammen aus der Zeit um 1110. Die Holzdecke datiert gemäss dendrochronologischen Untersuchungen von 1114. Sie stellt so etwas wie einen altertümlichen Comic-Strip dar, ermöglichte sie doch den früher grösstenteils des Lesens unkundigen Kirchgängern, sich in biblische Geschichten zu vertiefen. Was am meisten erstaunt: Das einzigartige Werk überstand den reformatorischen Bildersturm unbeschadet.