kopfbild-07

Verkehrsgroteske

Geschrieben von Andreas Staeger am .

Am Wanderweg nach Göschenen
Am Wanderweg nach Göschenen

Seit Jahrhunderten durchqueren Menschen den Kanton Uri auf der Reise in den oder aus dem Süden. Die alten Säumerpfade sind freilich mittlerweile begraben unter den Strassen, die man auch hier genau dort baute, wo es am praktischsten war - also auf bestehenden Trassees. Dennoch kann man das Urnerland wandernd erkunden, zum Beispiel auf der Via Gottardo von Erstfeld nach Göschenen. Die Autobahn ist zwar oft allgegenwärtig, und auch von der Eisenbahn kriegt man einiges mit. Zwischendurch aber gibt es bezaubernde, stille und einsame Orte zu entdecken, an denen es nur Steine, Wasser, Wald und Gras gibt. Später jedoch begegnet man erneut dem europäischen Transportirrsinn. Wenn man dem steten Fliessen des Verkehrs auf der Transitachse der Autobahn A2 zuschaut, mag man sich vielleicht auf einmal vorstellen, wie sich mitten im Gotthardtunnel zwei Lastwagen kreuzen. Der eine wird von einer Portugiesin gelenkt und transportiert italienisches Toilettenpapier nach Belgien. Im anderen fährt ein polnischer Chauffeur belgisches Toilettenpapier nach Italien. Kennen sie einander? Sind sie einander schon einmal begegnet? Welche Geschichten hält das Leben für diese beiden Transithasardeure bereit?

Sommerhitze am Kältepol

Geschrieben von Andreas Staeger am .

La Brévine
La Brévine

Wenn man's nicht wüsste, dass man im Jura ist, bräuchte man bloss die Speisekarte der Dorfbeiz zu konsultieren. In der Auberge "Au Loup Blanc" empfehlen sie Froschschenkel. Auf der anderen Seite des Dorfplatzes, neben der Kirche, hängt am Gemeindehaus eine Temperaturanzeige. "+18" heisst es dort an diesem Frühsommermorgen. Auch am Kältepol der Schweiz (wo es im Winter gut und gerne minus 30 oder noch kühler werden kann) ist heute ein heisser Tag zu erwarten. Also machen wir uns zügig auf die Socken, streifen durch kühle Wälder und über Weiden, die von einem sanften Wind gestreift werden, bis wir unser Ziel Les Verrières erreichen. Dort hat die Hitze brüllende Gewalt erreicht. Schwitzend und schnaufend kämpfen wir uns den eigenartigen "Sentier didactique" entlang, der praktisch frei ist von jeglicher Information, dafür von seltsamen Promi-Lobhudeleien strotzt.

Die Wanderung: La Brévine - Les Verrières

Kurzwanderungen im Tessin

Geschrieben von Andreas Staeger am .

tessin

In einem halben Jahr geht der Gotthardbasistunnel in Betrieb. Dann kann man deutlich schneller mit der Eisenbahn ins Tessin fahren - zur Pizza, zum Grappa oder auch auf den Wanderweg. Die NZZ am Sonntag hat heute einige Routenvorschläge veröffentlicht.

Sparen im Restaurant

Geschrieben von Andreas Staeger am .

thumb lully

Wir unternahmen einen Spaziergang durch das Genfer Hinterland (Lully-Laconnex: Rebberge, Wälder, Wiesen - also viel Grün und Natur) und strandeten am Ziel im Café "Chez le docteur", wo eine Tafel "Apérothérapie" empfahl. Selbiger unterzogen sich im urchig-heimeligen Etablissement einige ältere Herren aus dem Dorf, es ging ja auf Mittag zu. An der Wand stach uns ein Metallkasten ins Auge. Er enthielt 60 regelmässig angeordnete und nummerierte Schlitze. Der "Cagnomatic", wie das klobige Ding heisst, ist ein Kind der 1960er-Jahre. Damals wurde er verschiedenenorts in Dorfbeizen installiert.

thumb cagnomatic

Die Kiste ermöglicht individuelles Sparen im Kollektiv: Man mietet einen Schlitz und verpflichtet sich, regelmässig ein paar Franken hineinzuschieben. Ende Jahr wird ausbezahlt. Zinsen gibt es nicht, dafür Sachauslagen mit buchstäblich wirtschaftsförderndem Charakter, denn alle Ein- und Auszahlungen sind natürlicherweise mit Konsumationen in der Beiz verbunden. Hingegen kann auf elegant gekleidete Finanzpriester verzichtet werden, die sich ihren faulen Zauber mit absurden Boni vergolden lassen. Ein herrlicher Anachronismus im Zeitalter des institutionalisierten Raubrittertums (vulgo "Banken"). Die Sparvereine sind natürlich am Aussterben.