Zeitsprung im Saustal

30. Dezember 2016
Auch am zweitletzten Tag des Jahres 2016 zeigt sich dieser Winter in den Bergen schneelos, aber reich an Sonne und Aussicht. Die Gegebenheiten sind somit zum Wandern günstig. Kälte und Schmelzwasser können den Boden allerdings tückisch vereisen. Auf dem Weg von Isenfluh zur Marchegg stehe ich im Saustal vor einem steilen Bergweg, der auf der ganzen Breite und auf einer Länge von gut 100 m mit einer kompakten, dicken Eisschicht überzogen ist. Ich weiche in den noch steileren, aber aperen Wald aus – und mache eine wundersame Entdeckung. thumb saustal

Einige Dutzend Meter abseits des Weges steht an einen Baum gelehnt eine alte Säge. Das Holzgestell ist zerbrochen, der Spanndraht fehlt, das Sägeblatt ist komplett verrostet, doch das Werkzeug ist noch immer gut als solches zu erkennen. Am Boden, zwischen den Wurzeln des Baumes, liegen einige alte Weinflaschen. Nicht weit davon entfernt sehe ich zwei rostige Eisenreifen, die früher als Fassbeschläge dienten. An einem von ihnen hängt noch ein morsches gebogenes Holzstück.

Was mag hier vorgefallen sein? Nichts spektakuläres, denke ich. Es muss Jahrzehnte her sein. Damals wurde so gearbeitet, wie man das früher immer machte: Von Hand sägte man Holz zurecht. In der Pause löschte man den Durst. Nach Feierabend ging man heim, und weil man anderntags weiterarbeiten wollte, beliess man Werkzeug und Getränk einfach vor Ort. Es gab aber keinen anderen Tag mehr. Vielleicht fiel in der Nacht Schnee, worauf die beiden Älpler (waren es zwei oder mehr oder vielleicht nur einer?) im Tal bleiben mussten. Als sie einige Tage später (oder im nächsten Frühling) wieder zurückkehren wollten, hatten sie die Gerätschaften vergessen. Vielleicht waren sie auch nicht einmal mehr am Leben. Oder es waren alte Männer, die den ganzen Winter über den Verlust ihrer Säge und ihrer Weinflaschen jammerten, worauf ihre modern eingestellten Söhne sie verlachten und ihnen erklärten, heute säge ja sowieso niemand mehr von Hand.