Im Herbst werden die Kastanien traditionellerweise in kleinen Steinhäusern getrocknet.

Wanderung Castasegna-Brentan

Ein rekordträchtiger Wald

  • Castasegna

  • Brentan

  • Castasegna


REGION: Graubünden
MARSCHZEIT: 1 h
AUFSTIEG: 150 m
TIEFSTER PUNKT: 688 m
VERPFLEGUNG: Hotel/Garni Post, Castasegna
ANREISE: Mit dem Postauto nach Castasegna/Vecchia Dogana
MERKMALE: Rundwanderung / Themenweg / Familientauglich / Auch/nur im Winter
Schwierigkeit: T2 Bergwandern
Streckenlänge: 3 km
Abstieg: 150 m
Höchster Punkt: 834 m
Ideale Jahreszeit: Ganzjährig begehbar
Rückreise: Ab Castasegna/Vecchia Dogana mit dem Postauto
   

Im äussersten Zipfel des Bergells liegt der grösste heute noch gepflegte Kastanienhain der Alpen. Ein Lehrpfad vermittelt Wissenswertes zu den Kastanienbäumen und ihren Früchten. Der Rundweg verläuft mehrheitlich auf Naturbelag und Kopfsteinpflaster.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts reiste der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Seume zu Fuss von Leipzig nach Sizilien. «Spaziergang nach Syrakus» nannte er sein aberwitziges Unterfangen, das er hauptsächlich damit begründete, er wolle endlich einmal den Duft blühender Zitronenbäume schnuppern. Man wäre mithin ein kleiner Seume, wenn man für einen einstündigen Rundgang in eine der entlegensten Ecken der Schweiz fährt. Die Reise von Zürich nach Castasegna dauert ja rund fünf Stunden – nur der Hinweg, wohlgemerkt. Also wird man sich wohl kaum bloss wegen des Kastanienwalds dort hinbemühen, sondern fleissig gleich eine ganze Reihe von Ausflügen unternehmen.
Doch den Kastanienhain sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Er ist zwar Gegenstand eines etwas dubiosen touristischen Rekords: Vom «grössten Kastanienwald der Alpen» ist die Rede, bisweilen sogar vom «grössten Kastanienwald Europas». Die Wahrheit liegt woanders. Auf dem mit Trockenmauern leicht terrassierten, grasbedeckten Areal von Brentan oberhalb des Dorfs Castasegna steht eine grosse Zahl von mächtigen Kastanienbäumen. Ihre Früchte waren hier wie in anderen Regionen südlich der Alpen einst das Grundnahrungsmittel der Bevölkerung. Doch während andernorts kaum mehr Kastanien geerntet werden und die Bäume zusehends verwahrlosen, lebt die Tradition in Castasegna weiter.
Dabei ist die Kastanienernte mit gewaltigem Aufwand verbunden. Die Früchte werden im Oktober geerntet und darauf während rund zwei Monaten getrocknet. Zu diesem Zweck werden sie in eigens dafür eingerichteten Hüttchen Wärme und Rauch ausgesetzt. Das Feuer brennt permanent und muss regelmässig (das heisst: dreimal täglich) kontrolliert werden. Verbrannt wird ausschliesslich Kastanienholz, dem zwecks genügender Rauchentwicklung Kastanienschalen des Vorjahres beigegeben werden. Die trockenen Früchte werden anschliessend durch Dreschen geschält, gereinigt, sortiert und je nach Verwendungszweck gemahlen.
Ausgangspunkt der leichten Rundwanderung zum Kastanienhain Brentan ist die Postautohaltestelle Vecchia Dogana. Einen Steinwurf weiter westlich liegt bereits Italien, in der Gegenrichtung steht das Dorf, dessen Baustil eine Mischung des Engadinerhaus-Typs mit typisch italienischen Elementen verkörpert.
Nach wenigen Schritten erreicht man die Villa Garbald, die 1863 von Gottfried Semper als dessen einziges Bauwerk südlich der Alpen entworfen worden war. Auftraggeber war der Zollbeamte Agostino Garbald. Die Villa wurde 2001 bis 2004 saniert und um einen ansprechenden Neubau erweitert. Ein steiler gepflästerter Weg führt am turmartigen Annexbau vorbei hangwärts.
Der Kastanienlehrpfad beginnt auf der Höhe des Kraftwerks. Stelen im Gelände informieren über die vitale Bedeutung, die der Kastanienanbau einst für das Bergell hatte, über die Ökologie des Kastanienhains, über Kastaniensorten sowie deren Verarbeitung. Der Themenweg ist als Rundweg angelegt.
Nach der Rückkehr zum Ausgangspunkt empfiehlt sich ein kleiner Umweg durch das Dorf. Obwohl die Bevölkerung nicht einmal 200 Personen umfasst, gibt es im Ort gleich zwei Kirchen: San Giovanni, die kleinere von ihnen, ist vermutlich romanischen Ursprungs. Das zweite, an der Hauptgasse liegende Gotteshaus wirkt auf den ersten Blick deutlich zu gross. Die Kirche Santa Trinità wurde Mitte des 17. Jahrhunderts für die zahlreichen Protestanten errichtet, die während des Dreissigjährigen Kriegs aus Italien ins reformierte Bergell geflüchtet waren.