Wandern zur Wiege des WiFi

20. Juli 2016.
Hinter der Kirche des Dörfchens Salvan im Val de Trient steht ein etwa fünf Meter hoher Findling. „La pierre bergère“ (Schäferstein), wie er genannt wird, ist oben einigermassen flach. Dank einer Metalltreppe kann man problemlos hinaufsteigen. 1895 war der Felsblock Schauplatz eines geschichtsträchtigen Experiments. Der italienische Naturwissenschafter und Privatgelehrte Guglielmo Marconi stellte dort die ersten praktischen Versuche auf dem Gebiet der drahtlosen Informationsübermittlung an. Bei den Experimenten half ihm Maurice Gay-Balmaz, ein aufgeweckter Zehnjähriger aus dem Dorf. thumb marconi

Der Junge stand mit einer seltsamen Vorrichtung am Fuss des Findlings: An einer etwa 2,5 m langen Stange lief ein Metallfaden entlang, der mit einer Batterie, einem Wecker und einem mit Metallspänen gefüllten Glasrohr verbunden war. Oben auf dem Felsblock versuchte Marconi, mit einer nicht minder komplizierten Konstruktion Radiowellen auszusenden. Nach langem Tüfteln gelangt es ihm endlich, den Wecker zum Klingeln zu bringen. Nach diesem ersten Erfolg begann er die Distanz zwischen Sender und Empfänger immer mehr zu vergrössern. Die Übertragungsstrecke konnte er von anfänglich wenigen Metern schliesslich auf rund eineinhalb Kilometer ausbauen.

Was hat das alles mit uns zu tun? Marconis Entwicklung (für die er 1909 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde) war die Grundlage für die drahtlose Telegrafie, für das Radio – und letztlich auch für Mobilfunk und drahtlose WLAN-Computernetzwerke. Ohne den Durchbruch auf der „Pierre bergère“ könnten wir heute weder Radiohören und Fernsehen noch unterwegs im Internet surfen.

Aber wie in aller Welt kam Marconi dazu, seine Experimente ausgerechnet in einem entlegenen Schweizer Bergtal anzustellen? Salvan liegt weit hinten im französischsprachigen Teil des Wallis. In der Deutschschweiz kennt man die Gegend kaum, ebenso im Ausland. Das war früher ganz anders. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts fuhren begüterte Reisende nicht nach Gstaad, Engelberg oder Montreux, sondern lieber gleich an den angesagtesten Brennpunkt des touristischen Geschehens in der damaligen Schweiz, nämlich ins Val de Trient. 32 Hotels und Pensionen gab es dort zur Hochblüte. Der Erste Weltkrieg und die Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre setzten dem Boom ein brutales Ende.

Heute träumt das Tal verloren vor sich hin. Wären nicht die Einnahmen aus der Nutzung der Wasserkraft, dann sähe die wirtschaftliche Situation desolat aus. Für Ausflügler und Feriengäste stehen immerhin noch zwei Hotels, einige Bergbahnen (darunter eine aberwitzig steile Standseilbahn und ein batteriebetriebenes Minibähnchen am Fusse der Emosson-Staumauer) sowie ein Zoo und ein aussergewöhnliches, in einer Felslandschaft angelegtes Schwimmbad zur Verfügung. Besondere Erwähnung verdienen zudem zwei sehr spezielle Wanderrouten im Tal: Der Schluchtweg zu den Gorges de Dailley und die Kutschenstrasse Route des diligences. Und dann gibt es natürlich noch den „Sentier Marconi“ in Salvan. Das ist allerdings nur ein halbstündiger Spaziergang. Unterwegs vermitteln Informationstafeln Wissenswertes über die Gegend, den berühmten Gast und seine Errungenschaft.