Überteuerte warme Luft

3. September 2017

Hinweis: Die nachfolgenden Zeilen sind nicht geeignet für Nostalgiker und Folkloristen.
Die Wanderung ins Val Tuoi war lohnend, aber auf die permanente, mal laute, mal leise Geräuschkulisse hätte ich gerne verzichtet. In Anlehnung an ein Bonmot aus der Gastronomie sagen Lästerer: Wer nichts wird, wird Landwirt. Ich stelle das in Abrede, allerdings …

… nicht mehr so entschieden wie früher. Natürlich gibt es Agrarunternehmer, die mit viel Einsatz und grosser Kompetenz erfolgreich tätig sind. Dabei nutzen sie Nischen, über deren Berechtigung man trefflich streiten kann. Ich persönlich finde es nicht sinnvoll, dass die Schweiz monatelang unreife Erdbeeren aus Spanien importiert, aber ausgerechnet dann, wenn die Ware dort endlich sonnengereift, zuckersüss und preislich günstig wäre, die Grenze dicht macht, um masslos überteuerte, nun gleichfalls wieder geschmacksarme einheimische Früchte, die womöglich noch aus Hors-Sol-Produktion stammen, auf den solchermassen geschützten Markt zu bringen.

Importrestriktionen und Förderbeiträge für alle möglichen Massnahmen (und seltsamen Auswüchse) sind problematisch, kosten Steuerzahler und Konsumenten eine Menge und verzerren die Marktverhältnisse. Das ist aber letztlich eine politische Angelegenheit, für die man nicht einfach die Bauern verantwortlich machen kann. Gewiss, sie betreiben gezielt und erfolgreich Lobbying (welche Branche macht das nicht?). Aber das gelingt ihnen ja nur deshalb, weil sich die Schweizer Bevölkerung noch immer gerne an die Illusion klammert, der Bauer schreite im Edelweisshemd in den Stall, um seine Kühe hinter den Hörnern zu kraulen.

Wie aber sieht es heute in Randregionen aus, wo die Betriebsgrösse nur schon aus topografischen Gründen oft keine ökonomisch „vernünftigen“ Dimensionen aufweisen kann? Vor noch nicht allzu langer Zeit wehrten sich Bergbauern dagegen, als Landschaftsgärtner betrachtet zu werden. Heute dämmert es ihnen, vor welchen Herausforderungen sie stehen. Kostendeckende Produktion ist nur noch mit massiven Subventionen möglich. Dabei ist es zweitrangig, ob überhaupt noch Milch, Korn oder sonstige physisch greifbare Dinge hergestellt werden. Solche Produkte lassen sich nämlich im Flachland (und erst recht im Ausland) viel effizienter herstellen. Das eigentliche Erzeugnis ist: gepflegte Landschaft.

Doch bereits heute stehen manchenorts zu wenig Ressourcen zur Verfügung, um die Alpen zu beweiden. Es mangelt nicht einfach an Kühen, sondern an Personal, weshalb der Wald zusehends auf dem Vormarsch ist. Um das Problem zu lösen, könnte die staatliche Bestellung an die Bergbauern daher wie folgt lauten: „Pflegen Sie bitte die Landschaft, wir entschädigen Sie dafür. Wir erwarten, dass Sie die Wiesen beweiden und mähen.“

Beim Erbringen von Dienstleistungen wird in der Regel auch die Qualität vorgegeben. Der Geldgeber sollte daher ein Wörtchen mitreden, wie gemäht wird. Bequemlichkeit darf nicht einfach im Vordergrund stehen. Wenn Heubläser im Berggebiet vom frühen Morgen bis am späten Abend monoton dröhnen, wird die Erholungsqualität gefährdet – also ein anderes Erzeugnis des Berggebiets beeinträchtigt, für das ebenfalls Entschädigungen entrichtet werden.

Man könnte das Dilemma ohne weiteres lösen, ohne den Bergbauern eine Menge harter Arbeit aufzuhalsen. Zum Beispiel wie folgt: Es gibt landesweit Tausende von Asylsuchenden, die noch keinen Entscheid über ihren Status haben und daher gezwungen sind, monate-, ja jahrelang untätig und frustriert herumzusitzen, ohne dass sie einer Beschäftigung nachgehen dürfen. Sie könnten den Lärm problemlos ersetzen.