Sprechen wir über Grächen!

29. September 2014.
Über manche Dinge reden die Menschen irgendwie ungern. Ich zum Beispiel habe das peinliche Bedürfnis, nicht über Grächen zu sprechen. Jetzt muss ich aber trotzdem.
Kürzlich habe ich dort eine Wanderung zu unternehmen versucht. Das Unterfangen glückte tatsächlich, allerdings erst, nachdem ich die relativ planlos ins Gelände genagelten Wegweiser zu ignorieren begann und mich nur noch auf Karte und GPS verliess. Die gelben Schilder sind in Grächen «quantité négligeable».
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Viel wichtiger scheinen dagegen Tafeln jeglicher anderer Art zu sein. Davon gibt es dort eine fabelhafte Menge. Sie sind Ausdruck eines Selfmade-Tourismus, den ich als relativ schäbig und stümperhaft empfinde. Am (ansonsten recht schönen) Weg hin zur Eggeri-Suone und dieser entlang sind mir folgende Artefakte begegnet:

1. Braune Schilder mit der Aufschrift «walk of fame». Der Passant bleibt vollkommen im Unklaren, was es damit auf sich haben könnte.

2. Schwarze Schilder mit der Aufschrift «Sagenweg». Man rätselt, was das soll. Irgendwann dann eine Tafel, auf der eine alte Grächner Sage erzählt wird. Normale Leute lesen Sagen in Büchern oder im Internet, in Grächen muss man dafür den Wald aufsuchen.

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3. Infotafeln des Ortsmuseums über die Wasserleiten – inhaltlich recht ansprechend und interessant, allerdings mit eigenartiger typografischer Gestaltung (Titel voller sog. Deppen-Leerschläge, etwa «Ge teil schaft»).

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4. Mit Bostitchklammern hat jemand ein Klarsichtmäppchen an eine Föhre geheftet, in dem ein bedrucktes Papier steckt, das irgendwie vorverdaut aussieht. Wahrscheinlich hat es schon mehrere harte Winter sowie einige Westwindstürme überdauert. Grächen Tourismus bittet auf dem Fötzel darum, Hunde an der Leine zu führen, weil sie sonst, so legt es die unbeholfene Illustration nahe, die in der Gegend lebenden Elche vertreiben.

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5. An einem Pfosten mit einigen gelben Wander-Wegweisern prangt eine neuwertige blaue Tafel, auf der in winziger Schrift «Grächen Wald- & Naturrundweg» steht. Wieder einmal hat der Passant keine Ahnung, woher dieser Weg kommt, was er bietet und was das eigentlich alles soll.

6. An einem Baum entdeckt man 3 m über Boden unvermutet ein Schildchen «Tierweg 7». Tiere habe ich weit und breit keine gesehen, abgesehen von einer Heuschrecke, die über den Weg hüpfte.

7. Mitten in einsamer Natur ein künstlich angelegtes Kneipp-Becken, daneben natürlich die unvermeidliche Informationstafel über Technik und Vorzüge des Wassertretens.

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8. Vergleichsweise trivial: Vitaparcours- und Mountainbike-Signalisationen – ich führe sie nur der Vollständigkeit halber auf.

9. Zum Abschluss, ganz im Osten der Route, dann der absolute Knaller: Eine mannshohe, schreiend bunt bemalte Tafel mit Disney-mässigen Tierfiguren – Etappe eines «Spielewegs», der gemäss Logo von einem grossen Verlagshaus gesponsert wurde. Wie gütig, eine womöglich langweilige Wanderung mit solch geschmackvollem Mehrwert aufzupeppen – nach dem Motto: «Einfach so wandern, ohne Themenwege oder Apps? Igitt!»

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Irgendwie müssen die Grächner das Schilderschreiben im Blut haben. Drei weitere, relativ kuriose Tafeln am Rande des Wegs verdienen jedenfalls ausdrückliche Erwähnung:

• «Privatbesitz! Jegliches Jagen verboten. Kinderspielplatz!» (Vor dem geistigen Auge beginnen sich Szenarien aufzutürmen, die man sich lieber nicht vorstellen mag.)

• «Durchgang nur für Strahler, Jäger und andere Lügner» (Eine wunderbar charmante Einladung zum Überschreiten von Grenzen)

• «Essen Sie bei uns, sonst verhungern wir beide» (Wo sonst gibt es einen dermassen ehrlichen Gastwirt?)

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Die Grundfrage bleibt jedoch: Wozu bloss sollen all diese Plaketten, Tafeln und Zettel dienen, die an Bäumen, Stangen und Pfosten hängen? Ich wage einen Antwortversuch. In Tourismusvereinen wird der Direktor gerne alle paar Jahre ersetzt. Das ist halt so eine Art Naturgesetz. Vermutlich gilt es auch in Grächen. Wie macht sich der jeweils neue Mann rasch und gründlich sichtbar? Natürlich niemals in den endlos langen Pflichtsitzungen mit allen möglichen sog. Leistungsträgern, die einander fleissig das Wasser abzugraben versuchen. Viel konstruktiver und auch «für den Gast sichtbar» (seufz!) sind da doch Themenwege. Damit kann man sich auch mit kleinem Budget verewigen. Es ist eine zeitgemässe Form von magischem Denken: Ich mache einen Themenweg, also bin ich.

In Grächen hat man die aus tourismusarchäologischer Sicht aussergewöhnliche Situation, dass bis heute offenbar keiner dieser marketingbeschwipsten Tourismus-Innovatoren den Quatsch seiner Vorgänger abräumte, sondern einfach seinen eigenen Schmalz darüberlegte. Auf diese Weise lassen sich vor Ort ganze Schichten des schlechten Geschmacks in ihrer historischen Abfolge studieren.

Mir kommt die Geschichte in den Sinn, die auf der erwähnten Sagenweg-Tafel festgehalten ist. Wenn sich früher in Grächen ein Steinschlag oder Erdrutsch ereignete, sagten die Einheimischen: «Die Bettler rollen wieder Speisen.» Man war der Auffassung, hätten Bettler während ihres Lebens oft mehr Almosen zusammengetragen, als sie wirklich brauchten. Was sie nicht essen konnten, hätten sie verschimmeln lassen oder gar weggeworfen. Zur Strafe dafür mussten sie nach ihrem Tod all die Brote und Käsestücke, die sie ungeniessbar werden liessen, einsammeln und bis auf die höchsten Berge tragen. Jedes Bröckchen nahm dabei das Gewicht und die Form eines grossen Steins an. Wenn die Sünder beinahe den Gipfel erreicht hatten, entglitt ihnen der Block wieder und rollte bis in den Talgrund hinunter. Man kann diese Geschichte mühelos ein bisschen aktualisieren. Ich stelle mir Generationen von Grächner Tourismus-Promotern vor, wie sie eines Tages in einem himmlischen Speisesaal sitzen und zur Speise all jene Tafeln erhalten, mit denen sie die Welt sinnlos zupflasterten.

Übrigens, es geht auch anders. Ein paar Tage später war ich im Bächlital im Berner Oberland unterwegs. Der Aufstieg ins Hochtal ist als «Flechtenpfad» mit neun Standorten eingerichtet. Jeder Standort besteht aus einem simplen, nur etwa 30 cm aus dem Boden ragenden Holzpflock. Auf dessen Oberseite ist eine zehn Quadratzentimeter grosse Tafel angebracht. Darauf sind die Nummer des Standorts und eine Web-Adresse angebracht. Wenn man die Seite aufruft (vielleicht spricht es sich eines Tages sogar in Grächen herum, dass heute die meisten Wanderer ein Smartphone im Rucksack haben), erhält man knappe, aber interessante Informationen zu den in allen Farben schillernden Flechten in der Grimselregion. Die Holzpfosten sieht man von weitem nicht, und selbst aus der Nähe muss man zwischendurch gezielt nach ihnen Ausschau halten. Aber eigentlich ist es ja normal, dass man beim Wandern die Augen offen hält. Wer das nicht kann oder mag, soll zuhause vor dem Fernseher bleiben. Oder nach Grächen fahren, um ein Themenwegdesaster zu bestaunen. thumb baechlital