Gehen mit Andreas Staeger

Stefan von Bergen (rechts), Redaktor der Berner Zeitung, und Andreas Staeger im Hotel Kreuz, Bern, 30. April 2013
Stefan von Bergen (rechts), Redaktor der Berner Zeitung, und Andreas Staeger im Hotel Kreuz, Bern, 30. April 2013

«Staeger geht»: Stefan von Bergen interpretiert den Begriff Wanderprofi

Sie wissen es schon, und deshalb sind Sie heute auch hier: Staeger geht. Er tritt ab als Präsident der Berner Wanderwege. Aber er bleibt mit dem Wandern verbunden. Er suche neue Wanderhorizonte, sagt er. Er wird, wie es der Name seiner neuen Homepage verrät: Wanderprofi. Damit bin ich bei meiner Vorbemerkung: Wanderprofi, das geht eigentlich gar nicht. Wenn in der Schweiz nämlich etwas der Inbegriff des Amateurs ist, dann der Wanderer oder die Wandererin. Über 2 der 8 Millionen Schweizer oder jeder und jede Dritte wandern, so schätzt man. Es ist das liebste Hobby der Schweizerinnen und Schweizer. Und Hobbysportler sind bekanntlich keine Profis. Vielleicht schnüren gerade deshalb so viele Leute die Wanderschuhe, weil Wandern kein ehrgeiziges Profiimage hat und Wanderer also nicht unter besonderem Leistungsdruck stehen.

Wenn sich einer wie Andreas Staeger nun Wanderprofi nennt, könnte das also abschrecken. Man könnte ihn für einen Kampfwanderer halten, der eine 10-Stunden-Tour über drei Pässe in sechs Stunden absolviert, der auf hochalpinen, blau markierten Wegen nur für Schwindelfreie herumturnt. Ich bin schon öfter mit Staeger gewandert, und ich bin ein Durchschnittswanderer mit ausgeprägtem Schwindelgefühl. Deshalb kann ich bezeugen: Staeger ist kein tierischer Wanderer, sondern ein Genusswanderer. Ein Wander-Liebhaber. Ein Amateur also.

Was ihn dennoch zum Wanderprofi macht, ist sein Wissen über Wanderrouten und sein Nachdenken über das Wandern. Wenn Staeger wandert, dann setzen seine Füsse auch seinen Kopf in Gang. Was er beim Wandern erzählt, ist so erhebend wie eine schöne Aussicht: Staeger hat etwas entwickelt, was ich seine Migrationsanthropologie nennen möchte.Auf Deutsch: Seine Wandermenschenkunde. Die möchte ich Ihnen kurz näher bringen. Und Ihnen so ein paar Gründe aufzeigen, warum es sich lohnt, dem Wanderprofi Staeger auch fortan bei seinem Aufbruch zu neuen Wanderhorizonten zu folgen.

Grund 1: Staeger weiss, warum wir wandern

Als er und ich auf unserer ersten gemeinsamen Wanderung von Sigriswil aufwärts auf die Dünzenegg schritten, da wanderten seine Gedanken auf einmal weit zurück in die Steinzeit. Er erklärte, dass es der Jagdtrieb und der Hunger gewesen sei, der den Urmenschen aussichtsreiche Hügel habe erklimmen lassen. Denn von oben habe er Hirsch- oder Rehrudel überblicken können. Heute sei der Jagdtrieb zugegebenermassen etwas verkümmert, räumte Staeger ein, aber der Mensch wolle immer noch hoch hinaus. Der Mensch sei überhaupt dadurch Mensch geworden, dass er den aufrechten Gang beherrsche. Sein Antrieb beim Gehen sei das Nomadenblut aus seiner Frühzeit als Jäger und Sammler.

Natürlich sei dieses Nomadenblut nach Jahrhunderten der Zivilisation heute ziemlich stark verdünnt, aber man spüre es noch.

Als Kronzeuge für seine Theorie führte Staeger den Ötzi an, die 1991 in Südtirol entdeckte, über 5000-jährige Gletschermumie. Wo habe man den gefunden? In wildem Gelände auf über 3000 Metern über Meer. Was habe er an den Füssen getragen? Schuhsolen. Wobei also sei der Ötzi gestorben? Offensichtlich beim Fliehen, Jagen oder Wandern und nicht bei einer banalen Erledigung.

Wäre Staeger Theologe oder religiös, würde er vielleicht Adam und Evas Auszug aus dem Paradies als die allererste Wanderung bezeichnen und dann ausführen, dass die Menschen seither dank besserer Ausrüstung, gelben Wanderwegweisern und Freiwilligkeit entdeckt haben, dass Gehen nicht nur Mühsal und Arbeit bedeutet, sondern auch Freude und Erfüllung.

Man könnte jetzt noch kurz auf die spindeldürren Statuen hinweisen, mit denen der weltberühmte Künstler Alberto Giacometti die menschliche Existenz dargestellt hat. Was tut seine Figur auf der Schweizerischen Hundertfrankennote? Sie schreitet aus. Und woher stammt Alberto Giacometti? Aus dem südbündnerischen Bergell, einer grossartigen Wanderregion.

Grund 2: Andreas Staeger weiss vom Sinn der Umwege

Er kann nicht nur erklären, warum wir wandern, sondern auch, warum wir dabei freiwillig Umwege in Kauf nehmen. Unsere Wanderung auf die Dünzenegg hatte nämlich genau diesen Zweck: Umwege zu suchen, die den Gang über asphaltierte Wegstücke ersparen. Und wir fanden einen solchen Umweg. Wunderbar führte er über festgetretenes Gras durch eine Waldlichtung und eröffnete erst noch einen Blick auf den Thunersee. Staeger war begeistert. Ich begriff bald, dass es Staeger noch um mehr geht, als um das Umgehen von asphaltierten Wegstücken. Ein vietnamesisches Sprichwort besagt: „Umwege erweitern die Ortskenntnis“. Staeger würde anfügen, wer gehe, sei auch immer unterwegs zu sich selbst. Man denke bloss an all die Wanderer, die auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs seien, um sich selbst zu begegnen. Zu sich selbst finde man aber nicht immer auf dem direkten Weg. Zufriedenheit und Einklang mit sich selber erlebe vielmehr, wer langsam und entschleunigt unterwegs sei, wer das Gehen geniesse und sich überraschen, ja ablenken lasse vom Weg und den Ein- und Aussichten, die er biete. Was für eine beschränkte Aussicht der ganz direkte Weg biete, erfahre ja jeder, der auf der Autobahn unterwegs sei.

Grund 3: Andreas Staeger kennt den idealen Weg

Natürlich kennt er jenen Spruch des Zen-Buddhismus, den niemand so richtig versteht: Der Weg ist das Ziel. Aber Staeger ist ein bodenständiger Wanderer und kein abgehobener Zen-Buddhist. Und deshalb übersetzt er diesen Satz ins Erfahrbare: Beim Wandern gehe es nicht nur darum, ans Ziel zu kommen, sondern darum, unterwegs den Weg zu geniessen. Und das gelinge dann am besten, wenn der Weg abwechslungsreich sei. Der ideale Wanderweg führe mal aufwärts und dann wieder abwärts, er verlaufe im Wald und wieder ausserhalb des Waldes, er spende Schatten oder biete Sonnenschein, gewähre Weitsicht oder den nahen Blick auf einen Ameisenhaufen am Wegrand.

Einem Zen-Buddhisten müsste es, gemäss Staeger, auf Berner Wanderwegen besonders leicht fallen, sich nicht auf das Ziel zu fokussieren, sondern auf das Unterwegssein. Denn die landschaftliche Vielfalt des Bernbiets auf engem Raum macht die Wanderwege besonders abwechslungs- und aussichtsreich.

Grund 4: Andreas Staeger weiss, wo die Wege herkommen

Er weiss, dass kaum einer der heute begangenen Wanderwege neu gebaut wurde. Die Wege über die Gemmi, die Kleine Scheidegg oder auf den Napf sind uralte Trampelpfade. Sie sind historischen und gar tierischen Urspungs. Wenn wir heute in den Bergen wandern, gehen wir die alten Wege des Käses, der Kühe oder der Bergbauern. Vom Bergdorf hoch auf die Alp trampelten Kühe und Wildheuer Wege aus, die auf einer möglichst kräfteschonenden Ideallinie dem Gelände folgen. Wo über Jahrhunderte eine schwere Kuh hochkam, da rutscht heute auch ein Wanderer kaum aus, sagt Staeger. Und wo schon die Römer einst über den Septimer- oder andere Pässe mühevoll Waren nach Süden transportierten, da geniessen heute Wanderer die Aussicht und ihre federleichte Hightech-Ausrüstung.

Wer wandert, würde Andreas Staeger sagen, ist auch immer unterwegs in einer versunkenen Epoche des Langsamverkehrs, als es noch keine Motorfahrzeuge und Basistunnel gab. Ein Wanderer, formuliert Staeger eine hübsche kleine Paradoxie, geht also nicht nur voran, sondern eigentlich auch rückwärts in die Vergangenheit.

Grund 5: Andreas Staeger kennt die Paradoxie des Wanderns

Die zentrale Paradoxie des Wanderns, die dessen Reiz entscheidend ausmacht, ist für Andreas Staeger diese: Dass wir beim Wandern einen Weg in die Unwegsamkeit suchen. Eine von Staegers Lieblingswanderungen illustriert diese Paradoxie besonders schön. Von Stechelberg aus kann man in den grandiosen Talkessel des Lauterbrunnentals wandern und dort aufsteigen zum Gasthaus Obersteinberg. Es gibt dort nur Kerzenlicht. In der Nacht Mond- und Sternenlicht. Aber keinen Handyempfang. Man findet sich dort in einer grandiosen, unwegsamen Wildheit wieder und kommt sich ein wenig vor wie ein Pionier oder wie Ötzi. Weil es aber die gelben Wanderwegweiser und die weiss-rot-weissen Markierungen gibt, führt eben doch ein Weg in die Unwegsamkeit. Und auch wieder aus ihr heraus.

Grund 6: Andreas Staeger erwandert die Schweizer Seele

Mit dem paradoxen Bild des Wegs in die Unwegsamkeit umschreibt er auch die Psyche der Schweizer. Und in der helvetischen Psyche wird ja die Abenteuerlust von einem grossen Sicherheitsbedürfnis im Zaum gehalten. Wandern, sagt Staeger, sei ein „domestiziertes Risiko“. Man verschaffe sich den Kick eines Aufstiegs, eines Blicks in Abgründe, eines Ausflugs in die wilde Zivilisationsferne, könne aber dennoch auf das sichere Geleit eines Wanderwegs vertrauen.
Man kann Staegers Gedanken über die Schweizer Seele noch weiterspinnen. Schweizer können ihn ihrem engräumigen, vielfältigen Land und dank zahlloser Bergbahnen für einen Tag aus der Zivilisation in die Wildnis verschwinden und am Abend schon wieder geläutert in diese Zivilisation zurückkehren. Vielleicht kann man so auch die helvetische Schizophrenie erklären, dass zwar fast alle Schweizer Agglomerationsbewohner sind, aber dennoch als Landbewohner fühlen. Das ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil man in unserem Land von der eigenen Haustüre aus einfädeln in ein 62’000 km langes, zusammenhängendes Wanderwegnetz, das eine schnelle Flucht aufs Land ermöglicht. Zu Fuss.

Ich bin am Ziel: In einem Interview hat Andreas Staeger zum 75-Jahr-Jubiläum der Berner Wanderwege stolz angemerkt: „Trends kommen und gehen, Wandern bleibt“: Wandern ist ja eben nach seiner Theorie ein anthropologischer Evergreen. Weil das so ist, kann Staeger nun als Präsident der Berner Wanderwege getrost abtreten. Als Vorwanderer bleibt er den Berner Wanderern erhalten. Etwa durch sein heute hier präsentiertes Büchlein mit Halbtageswanderungen. Ich habe eine davon mit Staeger ausgetestet und kann ihnen versichern: Diese Wanderungen sind für Amateure geeignet und dennoch keine biederen Spaziergänge. Wir bestiegen den höchsten Gipfel der Gemeinde Köniz. Nein, das ist kein Hochhaus, sondern die Zingghöhe, die eine erhebende Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau und die liebliche Voralpenhügel gewährt.

Ich schliesse mit einem Aufruf: Bleiben Sie dem Wanderprofi Staeger auch in Zukunft auf den Fersen, denn er weiss den Weg.

Stefan von Bergen, 30. April 2013