Im Zermatter Zwiespalt

8. Februar 2018

Man weiss es – und glaubt es doch nicht, ehe man es mit eigenen Augen gesehen hat: Dieser Ort spielt in einer eigenen Liga. Zermatt lässt sich nur partiell mit anderen Schweizer Feriendestinationen vergleichen. Gewiss, auch hier gibt es Durchschnittliches, zum Beispiel eine Migros-Filiale. Doch die Architektur der Hotels und Appartementhäuser drückt es klar aus: Geld spielt hier keine Rolle. Das zeigt sich auch in der …

… Gastronomie. Zermatt ist auf diesem Gebiet für ein überdurchschnittliches Angebot bekannt. Superreiche Gäste mögen ihren Gaumen nicht unbedingt mit Raclette oder Bratwurst kitzeln. Ihnen steht der Sinn wohl eher nach Erlesenerem – Hirschcarpaccio, Thunfischsteak im Pistazienmantel oder Trüffelrisotto mit Hummer, um ein paar Beispiele aus lokalen Speisekarten zu zitieren. Wer es trivialer mag, darf auch eine Fünfzigernote für eine Pizza auslegen.

Tritt man nach solcher Stärkung wieder auf die Strasse, dann sollte man sich vorsehen. Zermatt gilt zwar als autofrei. Das sollte jedoch nicht mit verkehrsfrei verwechselt werden. Die Gefährte, die zwischen den Fussgängern herumkurven, fahren nicht mit Benzin-, sondern mit Elektroantrieb. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass sie oft in horrendem Tempo und mit halsbrecherischen Manövern unterwegs sind. Alles wird auf diese Weise transportiert: Kartoffeln, Heizöl, Altglas und natürlich auch gehfaule Hotelgäste. Während Busse, Taxis und Lieferwagen noch einigermassen rücksichtsvoll verkehren, sollte man vor den Hotelfahrzeugen auf der Hut sein. Die Chauffeure stammen, wie in der Schweizer Hotellerie üblich, oft aus Portugal und bringen deshalb reichlich südländisches Temperament ans Steuer.

Doch sobald man den Dorfkern verlässt, bleibt all dieser Zivilisations-Firlefanz im Hintergrund. Schlagartig betritt man eine andere Szenerie. Auch auf diesem Gebiet spielt die Gegend eine aussergewöhnliche Rolle. Mit dem Matterhorn verfügt Zermatt über einen einzigartigen Anziehungspunkt, der die Landschaft des gesamten Tals auf buchstäblich überragende Weise prägt. Zweifellos ist dieser Berg in der Bildsprache der Populärkultur auf eine Weise kommerzialisiert worden, die zuweilen nur schwer erträglich ist. Doch wenn man der markant geformten, singulär dastehenden Felspyramide leibhaftig gegenübersteht, dann verschwinden alle Klischees, Piktogramme und Embleme. Dann schweigt man nur noch und staunt. Und ein klein wenig wundert man sich, dass in diesem grössten Skigebiet der Schweiz täglich Abertausende von Pistenkilometern abgespult werden, ohne dass dem grandiosen Berg auch nur eine Andeutung von Aufmerksamkeit gezollt würde. Möglicherweise ist Winterwandern die angemessenere, weil beschaulichere Form, sich in dieser Landschaft zu bewegen.

Auf dem Rotenboden, etwas unterhalb des Gornergrats, begegnete ich zwei Chinesinnen, die just die kurze, aber wunderbar eindrückliche Winterwanderung vom Riffelberg herauf unternommen hatten. Sie brachten den Zwiespalt um Zermatt auf ihre Weise kurz und bündig zum Ausdruck. Zunächst jammerten sie ein bisschen, weil sie in der Schweiz nirgends richtiges chinesisches Essen entdecken konnten und weil gerade hier, am Fusse des Matterhorns, alles so entsetzlich teuer sei. Die beiden wohnen und arbeiten in Peking. Tausendmal mehr Menschen leben dort als in Zermatt zur Zeit der Höchstsaison, wenn alle 30‘000 Betten des Dorfs besetzt sind. Das grandiose „Horu“ gefiel den beiden Winterwanderinnen aus dem Fernen Osten sichtlich, doch besonders angetan waren sie von etwas anderem: In den höchsten Tönen schwärmten sie von der Stille, die sie hier genossen und die man in ihrer Heimatstadt nirgends finden könne.